
Es ist bereits eine Weile her, dass ich die Ruhe fand zum Nachdenken. Vieles ist geschehen und oft frage ich mich, in wie viele Teile ich mich teilen muss, um überall zugleich sein zu können. Die Ankunft von Liv, der Schwester meines Weibes. Ein Weib mit scharfer Zunge, die sie kaum im Zaum halten kann. Die Prophezeiung des Goden, die schließlich in der Rückkehr meines leiblichen Vaters gipfelte. Der Konflikt, der mich fürchten ließ, dass mein Clan sich spaltet und der Winter, der unbarmherzig immer näher rückt und bereits erste Zeichen seiner Ankunft hinterlässt. Ganz gleich, wie ich handle, am Ende fühlt es sich falsch an. Ich ertappe mich immer öfter bei der Frage, was Reginheri an meiner Stelle getan hätte. Welche Entscheidung hätte er getroffen? Ich sehe, wie der Clan aufblüht und selbst jetzt, wo die Thassa kurz davor ist, unsere Insel kaum noch erreichbar zu machen, finden immer mehr Krieger und Weiber den Weg zu uns und bleiben. Dennoch habe ich oft das Gefühl, all dem nicht gewachsen zu sein. Gib mir eine Axt und ich stelle mich einer Überzahl feindlicher Krieger. Doch die Führung des Clans scheint mir ein unbezwingbarer Gegner zu sein.
An manchen Tagen möchte ich einfach meine Familie nehmen und mit ihr die Thassa bereisen. Doch was für ein Mann wäre ich, würde ich feige vor meinen Aufgaben davonlaufen? Ich sehe, wie das Dorf wächst. Skar hat einen neuen Hafen gebaut. Aus dem einst kleinen Kai wurde eine Anlegestelle, die es Händlern ermöglicht uns zu besuchen. Aus den Fellvorhängen meiner Kammer wurde eine echte Tür. Jeder kennt seine Aufgabe und jeder ist auf seine Weise tüchtig. Vom Waldschrat, der unsere Fleischvorräte für den Winter aufgestockt hat, bis hin zu Asa, die ich mit einem Befehl von der Arbeit abbringen musste, um ihre Gesundheit zu schützen. Sie alle sind zu einem wichtigen Teil unserer Gemeinschaft geworden und sie alle sind mir ans Herz gewachsen. Liv, die mich anfangs nur zu gerne zur Weißglut brachte, zeigt echte Entwicklung in ihrem Handeln. Ich sehe ihr an, dass ihr nicht immer alles passt, was man ihr sagt aber sie beginnt sich dem Clan der Eisenbrecher unterzuordnen und scheut sich nicht, sich jeder Arbeit zu stellen, die man ihr aufträgt. Hoch anrechnen muss ich ihr zudem, dass sie den Mumm in den Knochen hat mir zu sagen, wenn sie sich einer Aufgabe nicht gewachsen fühlt.

So vieles verändert sich. Seit Björns Verschwinden tue ich mein Bestes, um allen gerecht zu werden und jedem als Jarl zur Verfügung zu stehen. Ich habe Auri freigegeben. Sie war mir eine treue Bondmaid und gerade in dem Moment, als wir begannen uns näherzukommen, kam der alte Gode Alfgrimr und forderte ihre Freilassung von mir. Seine Schülerin solle sie werden. Wie soll ich mich dem Willen der Asen widersetzen? Der alte Mann kommt nie ohne Grund zu mir und nun soll sie nicht nur als Freie gelten. Eines Tages soll sie in seine Fußstapfen treten und dem Clan mit ihrem Wissen über die Götter dienen. Idis wird sie nun genannt. Ein guter Name. Sie weiß es nicht aber ich halte meine Hand über sie. Bis zum bitteren Ende, wenn es sein muss. Sie wird eine wichtige Position im Clan einnehmen und ihre Ehre soll dabei unangetastet bleiben. Ich weiß, dass sie meinen Bruder sehr mochte. Ich habe ihr den Auftrag gegeben, ihm eine Nachricht zu überbringen. Eine meiner Äxte soll sie ihm bringen. Nimmt er diese an und bringt sie mir zurück, so ist das ein Zeichen dafür, dass er mein Friedensangebot annimmt. Weist er die Axt jedoch zurück, so weiß ich, dass er mein Angebot ablehnt. Vielleicht bin ich zu hart und ungehalten mit ihm umgegangen. Trotzdem ist er mein Bruder. Der Letzte, der mir geblieben ist. Ich sollte darauf hoffen, dass er mir meine Axt selbst zurückbringt und mit mir einen neuen Anfang wagt. Den ersten Schritt habe ich getan. Nun liegt es an ihm, wie es mit uns weitergeht.
Der Gode überbringt aber nicht immer nur gute Nachrichten. Eine Tatsache, die mich im Nachhinein härter trifft, als ich es zeige. So sagte er mir, dass mein Weib eine Prüfung der Ehre erwartet aber erst dann, wenn ich nicht da bin. Ich nutzte also die Gelegenheit, Skar und Asa auf ihrer Reise zu begleiten und sie an jenem Ort abzuliefern, den Asa einst Heimat nannte. Ich erkannte den Ort sofort und ich weiß, dass Skar und mich ein dunkles Geheimnis mit diesem Ort verbindet. Wir waren nicht immer der Clan, der wir heute sind. Ein Wandel steht uns bevor und die Vergangenheit wiegt schwer über uns. Die Verrbäuerin liegt mir am Herzen und ich fürchte, wenn sie eines Tages die Wahrheit erfährt, wird sie den Dolch führen, der uns zum Bluten bringt. Bei allen Göttern. Wie können wir ihr die Wahrheit offenbaren, ohne ihr dabei das Herz zu brechen? Dort wird mir am deutlichsten bewusst, dass Führung der stärkste Gegner ist, dem ich je begegnet bin. Ich fühle mich verpflichtet es ihr zu sagen doch die Angst vor ihrer Wut und ihren Tränen lässt mich machtlos erstarren. Ich sehe ihr in die Augen und wünsche mir die Vergangenheit rückgängig machen zu können. Dennoch sind wir beide schuldig, Skar und ich. Wir sind bereitwillig meinem Ziehvater gefolgt und haben blind seine Befehle befolgt. Dabei haben wir nicht erkannt, wie gnadenlos uns eines Tages das Schicksal treffen wird, das wir damit selbst heraufbeschworen haben.

Wie der Gode es prophezeit hatte, traf mein Weib eine Prüfung, die auch mich überrollte. Wer hätte ahnen können, dass der alte Bastard, den ich Vater nenne, den Kampf überlebte und die Eiseninsel aufsuchen würde? Seine bloße Anwesenheit schürte Chaos von unvorstellbarem Ausmaß. Mit dem Ziel mir zu sagen, dass er stolz auf mich sei, brachte er Ereignisse ins Rollen, die mich dazu zwangen, Svea und Liv einen Strafkragen anzulegen und von Baljaro und Liv eine Entschädigung für den Versuch zu verlangen, seine Sklavin von ihm fernzuhalten. Ich selbst versprach ihm eine Entschädigung für das Verhalten meines Clans und bot ihm vorerst Frieden an. Lieber hätte ich ihm für das Chaos, das seine Anwesenheit angerichtet hatte, den Schädel vom Hals getrennt. Doch wäre es das Richtige gewesen? Offenbar hatte sein Besuch einen friedlichen Grund. Ich bin froh, dass niemand verletzt wurde.
Ich muss zugeben, die ganze Situation hat mich nachdenklich gestimmt. Das Schicksal, das die Nornen für mich woben, schenkte mir Svea, mein Weib und mit ihr Vignar, meinen Sohn. Ich beginne die Worte von Alfgrimr mehr und mehr zu verstehen. Björn nahm mich einst auf aber sein Handeln war von Grausamkeit und Sadismus geprägt. Ich muss aufhören seinen Lehren blind zu folgen und lernen zu erkennen, wann seine Härte nützlich war. Ich muss anfangen, die Güte, die Reginheri in sich trug, dann walten zu lassen, wenn sie gebraucht wird. Ich muss verstehen, wann ich wie Duncan entscheiden und seine bittere Konsequenz umsetzen muss. Drei Krieger, die mich prägten. Drei Väter, die mich lehrten. Da stehe ich nun und versuche meine Gedanken zu sortieren. Svea, die ich vernachlässigte und die dennoch hoffte, dass ich mich ihr wieder nähere, wie sie es von ihrem Gefährten erwarten darf. Die Mutter meines Sohnes, die mir stets zur Seite steht und von der ich mich dennoch entfernte. Jene, die mir in meinem schwächsten Moment sagte, dass ich weder Reginheri, Björn noch Duncan bin. Jene, die mir wieder klarmachte, dass ich Leon Duncanson, Jarl der Eiseninsel bin und meinen eigenen Weg finden muss. Derjenige, der es nicht jedem recht machen kann und versuchen muss, für den Clan den besten Weg zu gehen. Was also wäre ich ohne mein Weib? Wo stünde der Clan heute, hätte ich sie nicht und wäre ich nicht Vater geworden? Würden wir weiter über die Thassa ziehen? Wäre ich noch immer in Fehu Isa?

Es ist, wie es ist und es kommt, wie es kommen muss! Wir nähern uns einander wieder an und gehen fortan unseren Weg gemeinsam. Valon las aus den Runen, dass unsere Verbindung von Stürmen heimgesucht wird. Er sagte uns damals, dass es nicht immer leicht sein würde doch dass wir gemeinsam die Stürme überwinden werden. Egal, was ich von ihm halte. Er hatte recht. Nicht mein Weib war es, das den Sturm auslöste. Ich war es selbst. Ich habe die Zeichen nicht gesehen und mich blind von einem Konflikt in den nächsten gestürzt und dabei vergessen, dass mein Anker nicht verloren ging, sondern stets neben mir saß. Ein Fehler, den ich nicht mehr begehen darf. So begrüße ich das Spiel mit dem Runenstein und nehme mir die Zeit für das Weib, das als Einzige imstande ist, mich zu bändigen. Ich merke, wie die Ruhe wieder in mir aufkeimt und mein Handeln besonnener wird. Ich gerate nicht mehr so schnell in Wut und Rage. Ich merke, dass Svea wieder ihr Strahlen findet und mich wieder neckt. Ich merke, dass Liv weniger bissig und respektvoller wird. Ich merke sogar, dass ich Skar eine Entscheidung mitteilen kann, die ihn zornig stimmt, ohne selbst dabei in Wut zu geraten.
Wir alle müssen nun an einem Strang ziehen und einen neuen Weg gehen. Die Weiber statte ich mit Messern und Bögen aus. Die Messer sollen sie stets bei sich tragen und zu den Bögen nur im Ernstfall greifen. Wir Krieger müssen sie lehren damit umzugehen, damit sie sich verteidigen können, wann immer sie dazu gezwungen sind. Der Waldschrat hatte recht, als er sagte, dass es das höchste Anliegen eines Kriegers sein sollte, ein freies Weib vor der Unfreiheit zu bewahren. Also ist es der nächste Schritt, sie zu lehren sich selbst zu verteidigen. Svea nannte einige gute Punkte, mit denen wir die Verteidigung unserer Insel verbessern können und diese will ich nun Skar offenlegen. Er soll seine Handwerkskunst einsetzen, um die Sicherheit des Clans weiter auszubauen. Außerdem hat so kurz vor dem Winter ein Schmied zu uns gefunden, der mir vielversprechend erscheint und unseren Clan stärken könnte, sofern man seinen Worten glauben darf. Wir haben gemeinsam viel zu tun. Der Clan wächst. Mein Großvater Reginheri wäre stolz ihn so zu sehen. Da nun immer mehr Menschen den Weg auf unsere Insel finden, wird es Zeit daran zu denken, dass auch Feinde auf uns aufmerksam werden können und wir verpflichtet sind, den nötigen Schutz zu gewährleisten. Gleichzeitig ist es an der Zeit offener gegenüber Händlern zu werden und ihnen die Möglichkeit zu bieten, uns ihre Waren zu präsentieren. Vielleicht mag nicht jeder meine Beweggründe verstehen und vielleicht mag auch nicht jeder meine Entscheidungen akzeptieren aber dennoch bin ich stolz auf jeden, der meinem Clan angehört. Das gilt auch für den Waldschrat, der zwar auf der Insel lebt aber nicht dem Clan angehört. Er hat so manche Leistung für den Clan erbracht, die meiner Dankbarkeit und meines Respekts würdig ist und ich respektiere diesen Mann.
Kommentar verfassen