Die 3 Akte des Waldschrats – eine Baljaro-Saga

Akt 1 – Die Zeichen der Götter

Seit einigen Tagen herrschte ein gewaltiger Sturm über der Insel. Unaufhörlich peitschte der Regen gegen die alten Bäume des Waldes, während der Wind durch die Wipfel heulte und selbst die stärksten Stämme unter seiner Gewalt ächzten. Tief im Wald, verborgen zwischen uralten Tannen und dichtem Gestrüpp, lag die Heimat des alten Waldschrats Baljaro. Baljaro war ein alter Kerl, geboren im Süden von Gor, ein Mann, der schon viele Winter gesehen und noch mehr Wege beschritten hatte. Doch trotz all seiner Reisen war er stets zwischen zwei Welten geblieben. Er glaubte an die Priesterkönige von Gor, doch ebenso fest glaubte er an Odin, Thor und die anderen alten Götter der Nordmänner. Seine Höhle tief im Wald war schließlich zu seinem Zuhause geworden. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Baljaro geglaubt, einen Ort gefunden zu haben, an dem er bleiben konnte. Doch die Götter schienen andere Pläne zu haben.

Nach nur wenigen Stunden ununterbrochenen Regens bemerkte Baljaro die ersten Tropfen. Zunächst waren es nur wenige, doch das Wasser fand seinen Weg. Das Gefälle vor seiner Höhle sammelte immer mehr Regen und führte ihn direkt auf den Eingang zu. Baljaro blickte nach draußen, stemmte die Hände in die Hüften und sah zum Himmel. „Verdammt! Was muss ich noch tun, um euren Segen zu erhalten?!“ Seine Stimme ging beinahe im Donner unter. Schon wieder? War dies etwa ein weiteres Zeichen? Wollten die Götter ihm erneut sagen, dass er weiterziehen sollte? Baljaro wollte es nicht wahrhaben. Nicht diesmal. Nicht nachdem er so viel durchgemacht hatte. „Nein“, murmelte er und griff nach seiner Axt. „Diesmal nicht.“ Wenn die Götter ihm schon keinen Schutz gewährten, dann würde er sich eben selbst helfen. Im strömenden Regen begann Baljaro, die Bäume rund um seine Höhle zu fällen. Mit schweren Schlägen grub sich die Axt in das Holz. Ein Baum nach dem anderen krachte zu Boden und wurde anschließend unter lautem Ächzen von Baljaro über das Gefälle vor seiner Höhle gezogen. Aus Stämmen, Ästen und Zweigen errichtete er eine primitive Barriere, die das Wasser abhalten sollte. Für eine Weile sah es tatsächlich so aus, als könnte der alte Waldschrat den Kampf gegen die Elemente gewinnen.

Doch der Sturm hatte andere Pläne. Der Regen wurde stärker, der Wind nahm an Kraft zu und Böen fegten über den Wald. Tannennadeln, Blätter und Zweige, die Baljaro mühsam als Dach befestigt hatte, wurden einfach wieder fortgerissen. Was er gerade aufgebaut hatte, zerstörte der Sturm im nächsten Augenblick. Die ganze Nacht kämpfte Baljaro weiter. Er schleppte neue Äste heran, weitere Stämme, Seile, Rinde und alles, was er finden konnte. In purer Verzweiflung versuchte er, über die Elemente zu siegen. Doch irgendwann musste selbst er erkennen, dass seine Kräfte schwanden. Die kleinen Tropfen waren längst zu einem Rinnsal geworden, das sich unaufhaltsam seinen Weg in die Höhle bahnte. Das Wasser stieg weiter an, bis es schließlich beinahe fünfzehn Zentimeter hoch in seinem Zuhause stand. Baljaro stand mitten darin. Erschöpft, durchnässt, angeschlagen und vor allem wütend. Seine Felle waren zerstört, sein Bett trieb im Wasser und seine Vorräte schwammen zwischen Holzstücken und Schlamm. Alles, was er sich aufgebaut hatte, wurde ihm genommen.

Langsam hob Baljaro den Kopf und blickte zum dunklen Himmel. Dann brach alles aus ihm heraus. „SEID VERFLUCHT!“ Sein Schrei hallte durch den Wald. „Ich lebe seit so vielen Wintern nach dem, was ihr mir vorgebt! Und jetzt, wo ich endlich anfange, mich wohlzufühlen, wollt ihr, dass ich weiterreise?!“ Der Donner antwortete ihm, doch Baljaro schrie weiter. „SEID VERFLUCHT, IHR GÖTTER!“ Dann verstummte er. Langsam sank der alte Waldschrat auf die Knie. Das Wasser plätscherte um seine Beine und plötzlich war die Wut verschwunden. Übrig blieben nur Erschöpfung und Trauer. All die Jahre, all die Wege, alles, was er geopfert und verloren hatte, kam mit einem Mal über ihn. Baljaro senkte den Kopf und begann zu weinen. Nicht laut, sondern still, wie ein gebrochener alter Mann, der nicht mehr wusste, wohin er noch gehen sollte. Vor ihm stieg das Wasser weiter und kroch langsam in jede Ecke seiner Höhle. Sein Zuhause war verloren. Tief in seinem Herzen wusste Baljaro bereits, was dies bedeutete. Die Götter hatten gesprochen. Nicht mit Worten, sondern mit Sturm und Regen. Sie hatten ihm ihren Willen gezeigt. Er würde weiterziehen.

Noch diese eine Nacht würde er in der Hall verbringen. Danach würde er aufbrechen. Es blieb ihm keine andere Wahl. Mit letzter Kraft erhob sich Baljaro und betrat ein letztes Mal seine überflutete Höhle. Es war gefährlich, doch er musste einige seiner Habseligkeiten retten. Seinen Rucksack, ein paar Vorräte, soweit sie noch zu gebrauchen waren, und einige wenige Dinge, die ihm geblieben waren. Doch eines war ihm wichtiger als alles andere: seine Laute. Vorsichtig nahm Baljaro sie an sich, schnallte den Rucksack auf seinen Rücken und befestigte die Laute daran. Dann blieb er noch einen Augenblick am Eingang seiner Höhle stehen und blickte zurück auf den Ort, den er Zuhause genannt hatte. Auf all das, was nun unter Wasser stand. „Na schön“, murmelte er und blickte ein letztes Mal zum Himmel. „Wenn es das ist, was ihr wollt… dann soll es so sein.“ Baljaro zog seinen Mantel enger um die Schultern, wandte sich ab und machte sich auf den Weg zur Hall. Ohne zu wissen, was ihn dort erwarten würde.

Akt 2 – Der Ruf aus dem Wald

Es war dunkle Nacht, als sich der Waldschrat im strömenden Regen auf den Weg zur Hall des Dorfes machte, in dessen Nähe er seit einiger Zeit lebte. Baljaro war dort ein gern gesehener Gast, wann immer er auftauchte, doch hielt er sich meistens fern, um das Dorf nicht in Schwierigkeiten zu bringen. Denn die Götter wollten nicht, dass er in einem Dorf lebte. Sie wollten ihn im Wald, dort, wo er über die Bäume wachen und das Land vor Gefahren und bösen Geistern beschützen sollte. So hatte es ihm vor fast zweihundert Wintern ein Gode prophezeit, nachdem Baljaro immer wieder schlimme Dinge widerfahren waren, sobald er ein Dorf zu seiner Heimat erklärte. Und auch dieses Mal schien sich die Geschichte zu wiederholen. Erst vor wenigen Tagen hatte Svea zu ihm gesagt, dass er, auch wenn er es selbst nicht wahrhaben wollte, ein Teil des Dorfes sei. Svea war die Gefährtin des Jarls Leon, und ihr Wort hatte Gewicht, ebenso wie das des Jarls. Einerseits hatten Baljaro diese Worte tief geschmeichelt, andererseits hatten sie in ihm eine alte Angst geweckt. Zu oft hatte er erlebt, was geschah, sobald er ein Dorf sein Zuhause nannte. Hungersnöte, Unwetter oder gar Schlimmeres waren über jene Orte gekommen, die er seine Heimat genannt hatte. Natürlich hatte Baljaro all dies stets auf sich bezogen. Für ihn waren es Zeichen der Götter, die ihm bedeuteten, weiterzuziehen. Und so befand er sich seit beinahe zweihundert Jahren auf einer Reise, die er als seinen Weg für die Götter verstand, immer tiefer hinein in den Norden Gors. Zeitweise hatte er sogar seinen eigenen Namen abgelegt und sich nur noch als Waldschrat vorgestellt.

Gebrochen, erschöpft und verzweifelt, schwer beladen mit seinem Rucksack und den wenigen Habseligkeiten, die ihm geblieben waren, stapfte Baljaro durch den dunklen Wald. In einer Hand hielt er eine schwere Fackel aus Leinen, getränkt in Harz, die selbst im stärksten Regen noch brannte. Plötzlich hörte er etwas. Ein grollendes, panisches Schreien drang durch den Wald. Baljaro blieb stehen und ging sofort in die Hocke. So gut es ging, verdeckte er seine Fackel und lauschte. „Nicht das auch noch…“, murmelte er. „Was habe ich euch getan, oh Götter? Wie schwer muss meine Beleidigung gewesen sein?“ Dann erkannte er die Schreie. Zuerst war es ein ausgewachsenes Tier, dann ein Jungtier. Beide schrien um ihr Leben. Und plötzlich verstummten die Schreie.

Baljaro wusste sofort, was er gehört hatte. Sleen. Gefährliche, echsenartige Raubtiere Gors, mit langen Klauen und messerscharfen Zähnen. Ihr Speichel war voller gefährlicher Bakterien, sodass selbst ein kleiner Kratzer für einen Menschen tödlich enden konnte. Seit Wochen schlichen die Tiere in der Nähe des Dorfes herum, und Baljaro hatte den Jarl bereits vor ihnen gewarnt. Eine Jagd war geplant gewesen, eine Jagd auf das gesamte Rudel. Doch diese Schreie waren anders gewesen. Es waren keine Jagdrufe gewesen. Es hatte nach einem Hilferuf geklungen. Baljaro zögerte nicht lange. Er drückte seine Fackel in eine tiefe Pfütze, sodass ihr Licht erlosch, und folgte den Schreien in die Dunkelheit.

Was er dort sah, ließ ihn entsetzt die Augen aufreißen. Für einen kurzen Augenblick durchfuhr ihn eine seltsame Mischung aus Angst und Erleichterung, doch schon im nächsten Moment wich alles einem tiefen Mitleid. Zwei schwere Bäume waren umgestürzt und hatten das Muttertier samt seinem frisch geborenen Jungtier unter sich begraben. Beide Tiere lebten noch und quälten sich verzweifelt bei dem Versuch, sich zu befreien. Doch es war sinnlos. Die Stämme waren dick und schwer, und Baljaro war sich sicher, dass die Knochen der Tiere unter der gewaltigen Last zertrümmert worden waren. Er senkte den Kopf und seufzte mitleidig. Erlösen konnte er sie nicht. Sein Bogen lag noch immer in seiner zerstörten Höhle, und sich den Tieren zu nähern wäre viel zu gefährlich gewesen. Selbst schwer verletzt konnte das Muttertier in blinder Verzweiflung mit einer einzigen Kralle ausholen und einen Goreaner schwer verletzen oder sogar töten.

Doch etwas ließ Baljaro stutzen. Irgendetwas stimmte nicht. Er konnte das dritte Tier nirgendwo entdecken. Es waren drei gewesen. Ein Männchen, ein Weibchen und ein Jungtier. Über Tage hatte Baljaro die Sleen im Wald verfolgt und versucht, ihren Bau zu finden. Nun stand er im strömenden Regen und betrachtete die beiden schwer verletzten Tiere eine lange Zeit. Er konnte ihnen nicht helfen. Er konnte sie nicht retten. Das Einzige, was ihm blieb, war, zu den Göttern zu beten. Also schloss Baljaro die Augen, senkte den Kopf und sprach mit leiser Stimme: „Ó, goð, látið þessi dýr skjótt sársauka léttast, látið þau í friði ór þessum heimi fara. Þau eru eigi vánd dýr, þau lifa eina eptir nátúru sinni ok eiga eigi skilið lengi at kveljast!“ Oh ihr Götter, sorgt dafür, dass diese Tiere schnell von ihrem Leid erlöst werden. Lasst sie in Frieden aus dieser Welt treten. Sie sind keine bösen Tiere. Sie leben nur nach ihrer Natur und haben es nicht verdient, lange zu leiden.

Es dauerte nicht lange, bis die Schreie verstummten. Für Baljaro war es, als hätten die Götter sein Gebet erhört. Das Muttertier hörte auf zu atmen. Kurz darauf tat es auch das Jungtier. Baljaro blieb noch einen Moment stehen und blickte schweigend auf die beiden Kadaver. Er prägte sich die Stelle genau ein. Vielleicht konnte das Dorf später wenigstens noch etwas von den Tieren verwerten. Dann wandte er sich ab und machte sich wieder auf den Weg zur Hall. Er musste sich ausruhen. Er musste etwas essen. Und vielleicht, so dachte der alte Waldschrat mit einem bitteren Lächeln, würde er sich aus Frust über all das, was die Götter ihm diesmal auferlegt hatten, sogar eine Sklavin schnappen, sie mit in die Hall nehmen und für eine Weile all seine Sorgen vergessen.

Akt 3 – Der Kodex des Kriegers

Der alte Waldschrat war nun auf dem Weg zur Hall. Der Weg von seiner überschwemmten Höhle bis zum Dorf war weit, beinahe eine Ahne, und Baljaro war nach den Ereignissen der vergangenen Nacht vollkommen erschöpft. Seine Fackel hatte er inzwischen wieder entzündet und so schlich er sich durch das Unwetter, geduckt und mit gesenktem Kopf, während Donner und Blitze über den Himmel zogen und der schwere Regen unaufhörlich auf ihn niederprasselte. Er war bis auf die Knochen durchnässt. Eigentlich wollte er diese Insel gar nicht verlassen. Er wollte hier leben. Er hatte begonnen, sich hier wohlzufühlen. Doch die Götter hatten gesprochen und Baljaro wusste, dass er ihrem Willen folgen musste. Wenn er es nicht tat, würde womöglich eine schwere Strafe über das Dorf hereinbrechen. Schon oft hatte er solche Zeichen erlebt und niemals wollte er der Grund dafür sein, dass andere für seine Entscheidungen bezahlen mussten. Seit beinahe zweihundert Wintern lebte er nun auf dieser Reise für die Götter, immer tiefer im Norden Gors, und manchmal hatte er sogar seinen eigenen Namen abgelegt und sich nur noch als Waldschrat bezeichnet. So ging er nun durch den Sturm, als plötzlich ein Schrei durch den Wald hallte. „Nein… bitte nicht“, murmelte Baljaro und ging sofort in die Hocke. Er lauschte. Dann hörte er es erneut. Ein lauter, tiefer und grollender Kampfschrei eines Sleen. Des dritten Tieres, das er zuvor vermisst hatte. Doch dieser Sleen klang nicht verletzt oder eingeklemmt. Es war ein Jagdschrei. Ein Schrei, der eindeutig verriet, dass das Tier Beute gefunden hatte. Baljaro wusste nicht, dass das Rudel, nach dem der Sleen rief, erst wenige Minuten zuvor seinen Tod gefunden hatte. Er wollte gerade einen Bogen um das Dorf schlagen und von der anderen Seite zur Hall gelangen, als er einen weiteren Schrei hörte. Diesmal war er leise, alt, gequält und voller Angst. Menschlich. Kein Tier, das von einem Sleen gejagt wurde. Dann ertönte erneut das Brüllen des Raubtiers, dunkel, laut und bedrohlich. Baljaro blieb keine Wahl. Irgendjemand aus dem Dorf musste in Gefahr sein. Vielleicht war es ein Dorfbewohner, vielleicht ein Gast. In beiden Fällen musste er helfen. Nicht nur, weil es das Richtige war, sondern weil sein Kodex es verlangte.

Baljaro war als Krieger der Roten Kaste geboren worden. Auch wenn er heute im hohen Norden lebte und schon lange nicht mehr wie ein Krieger dieser Kaste aussah, trug er deren Lehren noch immer tief in sich. Der Kodex hatte ihn beinahe sein ganzes Leben begleitet und eine Regel war eindeutig: Den Schwachen zu helfen. Wer einen Hilflosen seinem Schicksal überließ, riskierte seine Ehre. Und so machte sich Baljaro auf den Weg in Richtung der Schreie, geduckt und vorsichtig durch das dichte Unterholz. Als er den Rand des Dorfes erreichte, riss er plötzlich die Augen auf. Dort lag der alte Gode Alfgrimr Kvasirson, eingeklemmt unter einem schweren Baum. Auf den ersten Blick schien er unverletzt zu sein. Baljaro näherte sich langsam und ließ seinen Blick immer wieder durch den Wald schweifen, auf der Suche nach dem Sleen. „Keine Sorge, alter Mann. Ich werde dir helfen!“ Mit diesen Worten legte er seine Fackel zur Seite und stemmte sich gegen den Baum, um ihn anzuheben. Doch da ertönte erneut das Brüllen des Sleen. Diesmal war es ganz nah. „Bring dich in Sicherheit, Waldschrat! Ich bin alt!“, rief der Gode. Baljaro sah ihn an. „Mein Kodex verbietet es mir.“ Er hielt kurz inne. „Und selbst wenn dies nicht der Fall wäre, würde ich bleiben.“ Mit diesen Worten griff er nach seiner Fackel und drehte sich um.

Dort stand es. Ein riesiges Tier von einem Sleen. Die messerscharfen Zähne waren gefletscht, die langen Klauen wirkten wie Rasierblätter und aus seinem Maul tropfte der Speichel. Baljaro hob die brennende Fackel und schwang sie hin und her, um das Tier zurückzudrängen. Normalerweise hätte Feuer genügt, doch dieses Tier war ausgehungert. Der Hunger überwog seine Angst vor den Flammen und der Sleen kam immer näher. „Bring mich nicht dazu, mit dir zu kämpfen!“, knurrte Baljaro und zog sein Gladius. Es war das Schwert, das ihm einst von Kommandant Kintradim geschenkt worden war, nachdem Baljaro zum Ersten Schwert von Jorts Fähre geworden war. Er seufzte kurz und betrachtete das gewaltige Tier. Er wusste, wie gefährlich ein Sleen war. Er wusste, dass dieses Wesen ihn töten konnte. Doch er wusste auch, dass er wendiger war. Zumindest war er das einmal gewesen. Er war alt geworden. Seine Muskeln waren nicht mehr so trainiert wie damals, als er noch der Roten Kaste angehörte. „Lauf weg, Waldschrat! Es reicht, wenn einer von uns stirbt!“, rief der alte Gode hinter ihm. Baljaro blickte kurz zurück. „Halt den Mund, alter Mann!“, rief er ihm entgegen. Genau diesen Moment nutzte der Sleen. Mit einem gewaltigen Satz sprang er auf Baljaro zu. Die Krallen erwischten ihn quer über den Rücken und rissen tiefe, brennende Wunden in sein Fleisch. Die Wucht des Hiebes zerriss den Stoff seines Oberkörpers, sodass dieser nur noch in Fetzen an seinem dicken Ledergürtel herabhing. Baljaro taumelte, doch er wehrte sich. Er holte mit seinem Gladius aus, rollte sich zur Seite und setzte einen schweren Hieb nach. Die Klinge traf die Schulter des großen Tieres, das durch seine gewaltige Größe ein leichtes Ziel bot. Blut begann über die Schuppen zu laufen. „Lauf weg, Waldschrat! Stirb nicht wegen eines alten Mannes!“, rief der Gode erneut. Doch Baljaro hatte keine Wahl. Er würde lieber in Ehre sterben, als in Schande weiterzuleben.

Die Kratzer an seinem Rücken brannten und bluteten heftig, doch das Adrenalin ließ ihn den Schmerz beinahe vergessen. Der Sleen und der Waldschrat umkreisten einander. Baljaro bekam seine Umgebung kaum noch mit. Er hatte nur noch Augen für das Tier vor sich. Er beobachtete jede Bewegung, jede Gewichtsverlagerung, jeden Atemzug. Dann griff der Sleen erneut an. Baljaro sprang zur Seite, doch diesmal erwischte ihn die Klaue am Bein. Ein tiefer Schnitt zog sich über seinen Oberschenkel. „Aaaah! Boskscheiße! Dreckiges Mistvieh!“, brüllte er das Tier an. Der Sleen antwortete mit einem gewaltigen Brüllen, als würde er jedes Wort verstanden haben. Wahrscheinlich war es nur Baljaros Stimme gewesen, die dem Tier verriet, dass sein Gegner wütend und verletzt war. Doch Baljaro erkannte nun etwas Entscheidendes. Wenn er weiter defensiv kämpfte, würde er verlieren. Die Arme des Sleen waren zu lang, seine Reichweite zu groß und Baljaro hatte nur ein Gladius. Kein Bogen. Keinen Speer. Nichts, womit er das Tier auf Distanz halten konnte. Er musste in den Nahkampf. Er musste seine Wendigkeit einsetzen. Also stürmte Baljaro auf das Tier zu. Der Sleen holte mit seinen mächtigen Pranken aus, doch Baljaro nutzte den nassen, schlammigen Waldboden zu seinem Vorteil. Er warf sich auf den Rücken und rutschte direkt unter dem Tier hindurch. Während er unter ihm hindurchglitt, riss sein Gladius eine tiefe Wunde in das rechte Hinterbein des Sleen. Es war noch lange kein tödlicher Treffer, doch es war ein Anfang. Das Tier brüllte vor Schmerz auf. Ein Brüllen, das wahrscheinlich durch das gesamte Dorf hallte. Wütend holte der Sleen mit seinem langen Schwanz aus. Diesmal traf er Baljaro mit voller Wucht.

Der Schlag schleuderte den Waldschrat durch den Schlamm. Hart schlug er auf dem Boden auf und blieb für einen Moment benommen liegen. Damit hatte er nicht gerechnet. Als er wieder klarer sehen konnte, stand der Sleen bereits über ihm. Die Zähne gefletscht, die Klauen bereit zum Zuschlagen. Baljaro blickte zu dem gewaltigen Tier hinauf und für einen kurzen Augenblick akzeptierte er sein Schicksal. Vielleicht war dies das Ende. Vielleicht hatten die Götter genau das für ihn bestimmt. Er war bereit zu sterben. Ehrenhaft. Doch genau in diesem Moment griff der eingeklemmte Gode nach einem Stein und schleuderte ihn verzweifelt nach dem Sleen. Der Stein traf das Tier nicht schwer, doch er reichte aus. Der Sleen wandte den Kopf und brüllte den alten Gode an. Nur dieser winzige Augenblick rettete Baljaro das Leben. Ohne ihn wäre er vermutlich im nächsten Moment von den Krallen des Tieres aufgeschlitzt worden. Doch Baljaro nutzte die Gelegenheit. Mit letzter Kraft schnellte er nach vorn und rammte sein Gladius tief in die Brust des Sleen. Mit aller Kraft drückte er die schwere, scharfe Klinge durch die dicke, schuppige Lederhaut. Tiefer und tiefer drang das Schwert in den Körper des Tieres, bis die Klinge schließlich sein Herz traf. Ein lautes, grollendes Brüllen voller Schmerz und Leid hallte durch den Wald. Dann kippte der gewaltige Körper zur Seite. Ein letzter Atemzug entwich dem Tier. Das Gladius steckte noch immer tief in seiner Brust.

Baljaro erhob sich, oder besser gesagt, er quälte sich auf die Beine. Humpelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht trat er zu dem alten Gode. Unter lautem Schreien vor Schmerz und Anstrengung gelang es ihm schließlich, den schweren Baum von dem alten Mann zu befreien. Danach humpelte Baljaro zu dem getöteten Sleen zurück und zog sein Gladius aus dessen Brust. Anschließend ging er in die Hocke und legte eine Hand auf die Stelle, unter der das Herz des Tieres gelegen hatte. Er schloss die Augen. „Verzeih mir, dass ich dich töten musste“, sagte er leise. „Doch du hast mir keine Wahl gelassen.“ Baljaro war tief mit den Tieren des Waldes verbunden und tötete aus Prinzip nur dann, wenn es notwendig war. Wenn er Nahrung brauchte. Oder wenn er selbst oder jemand anderes bedroht wurde. Er blickte zum Himmel, der noch immer von Regen, Donner und Blitzen beherrscht wurde, und dann brach erneut die ganze Wut aus ihm heraus. „Habt ihr endlich genug?! Habt ihr mich jetzt genug gestraft?! Ich werde abreisen! Das Tier hätte nicht leiden müssen! Das ist eure Schuld! Ich war bereits auf der Abreise! Das Tier hätte nicht sterben müssen!“ Erschöpft, schwer verletzt, frustriert und traurig verlor Baljaro für einen Moment seine Fassung. Normalerweise hätte er niemals so mit den Göttern gesprochen. Der alte Gode trat schließlich zu ihm, legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter und half ihm auf. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zur Hall. Der alte Gode, selbst kaum von den Ereignissen erholt, stützte den verletzten Waldschrat so gut es ging, bis sie schließlich die Hall erreichten. Dort brach Baljaro mitten in der Nacht erschöpft zusammen, blutend an Rücken und Bein. Während er nach Hilfe rief, blieb der alte Gode noch so lange bei ihm, bis jemand kam, um sich um den schwer verletzten Waldschrat zu kümmern. Dann musste er gehen. Er wollte die Götter konsultieren. Er wollte wissen, was sie von diesem Waldschrat erwarteten und warum sie ihn auf diese Weise quälten. Bevor er ging, bedankte er sich noch bei Baljaro für seinen Mut und verschwand schließlich in der Dunkelheit.