
Die Mauern von Fehu Isa tauchten vor ihnen auf, nachdem Leon und Rayk den Weg vom Hafen hinter sich gebracht hatten. Hinter dem Tor lag ein Ort, der Leon noch immer vertraut war, obwohl er längst nicht mehr zu ihm gehörte. Hier hatte er gelebt, gearbeitet und an den Feuern gesessen. Hier befanden sich Menschen, die er Freunde nannte. Und hier lebten jene Männer, mit denen ihn Svea weiterhin verband. Dennoch war er nicht als heimkehrender Sohn gekommen. Zwischen ihm und Valon stand ein Streit, der beim letzten Zusammentreffen nicht beigelegt worden war. Solange das so blieb, gab es keinen Handel zwischen Fehu Isa und den Eisenbrechern. Nach dem Sturm aber brauchte das Dorf auf der Eiseninsel Material, Waren und geschickte Hände. Leon hatte sich deshalb vor der Abreise auf eine einfache Antwort festgelegt: Handel oder Axt. Welche der beiden es werden würde, lag nun hinter diesem Tor. Leon rief nach Einlass und gab sich als Leon Duncanson zu erkennen. Neben ihm wartete Rayk, den das Wetter und die Reise nicht davon abhielten, in aller Ruhe an seiner Pfeife zu ziehen. Die beiden waren erst seit kurzer Zeit miteinander unterwegs. Noch kürzer wussten sie, dass Duncan Ragnadal sie beide gezeugt hatte. Was das aus ihnen machte, war ungeklärt. Brüder waren sie durch ihr Blut. Ob sie sich auch wie Brüder begegnen würden, musste sich erst zeigen. Glen erschien am Tor, musterte zunächst Leon und dann den fremden Mann an seiner Seite. Er ließ sie ein, und kaum war das Tor offen, schien ein Teil der Spannung dem vertrauten Spott zu weichen. Glen hätte statt zweier Männer lieber einen fetten Tarskschinken begrüßt. Rayk versprach grinsend, bei der nächsten Reise an eine Jagd zu denken. Leon dagegen kam rasch auf den Grund seines Besuches zurück. „Ich will mit Valon reden“, sagte er. „Wir haben uns beim letzten Mal im Streit getrennt. Dieses Mal will ich das ändern.“ Der Ernst in seinem Gesicht ließ keinen Zweifel daran, dass er nicht nur wegen eines Kruges Met gekommen war. Er erzählte vom Sturm und den schweren Schäden auf der Eiseninsel. Glens Geschick mit Holz werde gebraucht. Vor allem aber wollte Leon den Streit mit Valon beenden und wieder Handel ermöglichen. Johanna und Lynn kamen zum Tor. Johanna begrüßte Leon freundlich, betrachtete jedoch seinen Begleiter, weil ihr dessen Gesicht bekannt vorkam, ohne dass sie es sofort einordnen konnte. Glen stellte ihn als Rayk vor, einen Wanderer und, wie er scherzhaft meinte, offenbar ein Glückskind, weil sein Weg ihn ausgerechnet nach Fehu Isa geführt hatte. Als Johanna vom Unwetter hörte, fragte sie sofort nach Svea. Leon versicherte ihr, dass es seinem Weib und ihrem Sohn Vignar gut gehe. Dann nannte er die Verluste. Drei Vulos und sieben gute Krieger waren im Sturm gestorben. Mehr hatten sie retten können, doch der Preis war hoch gewesen. Lynn, die den politischen Stillstand längst leid war, platzte beinahe der Kragen. Sie schimpfte über Anweisungen, Verbote und darüber, dass fleißige Hände Waren herstellten, auf denen sie anschließend sitzen blieben. Johanna versuchte sie mit einem Blick zum Schweigen zu bringen. Interne Angelegenheiten gingen Gäste nichts an. Leon hätte Lynns Ärger für sich nutzen können. Er hätte vor allen erklären können, Valons Entscheidung schade nun sogar dessen eigenen Leuten. Stattdessen grinste er nur und sagte, sie hätten nichts gehört. Damit ließ er den Frauen einen Ausweg, ohne Lynn bloßzustellen und ohne den Streit vor Valons Ankunft weiter anzuheizen. Glen schickte die Gäste zum Essen und Trinken. Rayk wollte lieber draußen am Feuer als in der Halle sitzen. Der Winter werde noch früh genug dafür sorgen, dass man zwischen Wänden hocke. Während Johanna, Lynn und Rayk noch besprachen, wer Met, Hörner und Essen trug, ging Leon bereits voraus. Er kannte den Weg. Als Rayk noch immer hinter ihm redete, drehte Leon sich um. „Rayk! Komm schon!“ Der Bruder folgte ihm schließlich mit finsterem Blick und dem Hinweis, dass er sich durchaus selbst vorstellen könne. Leon ließ es dabei bewenden. Rayk war kein Gefolgsmann, den er nach Belieben herumkommandieren konnte, auch wenn Leon immer wieder so mit ihm sprach.
Am Feuer reichte Johanna Leon den gewünschten Dunkelmet. „Ein Stuhlbeinmet“, sagte sie grinsend. Leon nahm das Horn und bedankte sich bei der Töpferin. Sein Blick blieb dabei nicht in ihrem Gesicht, sondern wanderte über die Rundungen, die ihr Kleid unübersehbar anhob. „Bezaubernd wie immer“, sagte er und sah ihr danach wieder in die Augen. „Und tüchtig.“ Johanna bemerkte seinen Blick sehr wohl. Eine Braue hob sich, doch ihr Mund verzog sich zu einem Grinsen. Danach erklärte sie Rayk, weshalb der Met diesen sonderbaren Namen trug. Eigentlich war es Tannen- oder Dunkelmet, gebraut mit dem Saft junger Tannennadeln und Waldhonig, herb, waldig und stärker als heller Honigmet. Irgendjemand hatte einmal behauptet, er schmecke, als lutsche man an einem tannenen Stuhlbein. Rayk verstand weder, warum jemand an einem Stuhlbein lutschen sollte, noch weshalb der Vergleich dem Met gerecht wurde. Nachdem er gekostet hatte, erklärte er immerhin, dass er besser schmecke als erwartet. Dann begann er, sich nach den Waren der beiden Frauen zu erkundigen. Johanna erzählte mit ruhigem Handwerkerstolz von ihren Töpferwaren. Lynn berichtete von Körben und Fischreusen und davon, dass sie fast überall Material für ihre Arbeit fand. Das Gespräch war längst in gewöhnliche Gastlichkeit übergegangen, als vom Dorf her Siams lauter Ruf erschallte. Ein Baum drohte auf ein Haus zu fallen. Valon, der seinem Bruder helfen musste, ließ sich deshalb noch nicht am Feuer blicken. Enya kam voraus und erklärte, ihr Gefährte werde erscheinen, sobald die Hütte gerettet sei. Leon begrüßte sie freundlich. Er fragte nach ihrer Gefährtenschaft, doch Enya musste eingestehen, dass für deren Vollzug noch keine Zeit gewesen war. Im Dorf kam ständig etwas dazwischen. Sie erkundigte sich nach Svea und Vignar und erzählte anschließend von ihrem eigenen Sohn Eldar, der inzwischen krabbelte und am liebsten Truhen ausräumte. Leon versprach sich beim Namen seines Sohnes. Rayk, der aufmerksamer zuhörte, als sein scherzhaftes Wesen vermuten ließ, fragte sofort, ob der Junge nicht eben noch Vignar geheißen habe oder Leon etwa zwei davon besitze. Bevor Leon antworten konnte, erschien Valon.

Er war verschwitzt von der Arbeit am Baum und zunächst guter Dinge. Dann erkannte er, wer an seinem Feuer saß. „Oh“, entfuhr es ihm. Nur dieses eine Wort verriet, dass Leon kein gewöhnlicher Gast war. Valon fing sich sofort und grüßte die versammelte Runde. Leon erhob sich. Er begrüßte Valon und Siam, der inzwischen ebenfalls gekommen war, und sagte ohne Umwege, weshalb er dort war. „Ich bin hier, um mit dir zu reden, Valon.“ Valons Blick glitt zu dem fremden Mann. Er wollte wissen, wer Leon begleitete. Leon sah kurz zu Rayk. „Wie sich herausgestellt hat, hat mein Vater nach meinem Weggang noch einen Sohn gezeugt. Er und ich waren auf Reisen. Mit unserem Gespräch hat er nichts zu tun.“ Rayk stellte sich dennoch selbst vor. Er nannte sich Rayk, den Wanderer. Solange die Witterung es zuließ, zog er umher. Wo es Arbeit für tüchtige Hände und eine scharfe Axt gab, verdiente er sich seine Unterkunft ehrlich. Johanna fragte, ob Leon seinen leiblichen Vater oder seinen Ziehvater meinte. Leon antwortete so grob, dass niemand nach einer feineren Erklärung suchen musste. „Den, der meine Mutter gefickt hat, um mich zu machen.“ Rayk schob hinterher, er habe mit dem Boskmist, den Leon hier schaufelte, nichts zu tun. Diesen Haufen müsse sein Bruder allein abtragen. Dann setzte er sich wieder und trank. Er würde Leon nicht verteidigen, ehe er überhaupt wusste, was zwischen den Männern stand. Leon setzte sich ebenfalls. Eine Weile betrachtete er Valon über den Rand seines Horns. Dann begann er ruhig. „Unsere letzte Begegnung verlief nicht sonderlich gut. Nun frage ich mich, ob du ein weiteres Gespräch mit mir führst und wir uns einigen können.“ Valon erwiderte, er sei hier. Mehr Zuspruch gab es zunächst nicht. Leon nickte. „Ich will Frieden zwischen uns. Mein Weib ist mit euch beiden verbunden.“ Dabei sah er auch zu Siam. „Auch ich habe in deinem Clan Freunde. Ich hatte immer Respekt vor dir und habe dich und deinen Verstand geachtet. Wie siehst du das?“ Für einen Augenblick war nur das Feuer zu hören. Johanna hielt ihr Gesicht bewusst glatt. Lynn schwieg. Rayk trank und beobachtete seinen Bruder von der Seite. Enya blieb dicht bei Valon, ohne sich einzumischen. Valon nahm sich Zeit für seine Antwort. „Was soll ich sehen, Leon? Deine großen Versprechen, die du nicht gehalten hast? Deine Leichtsinnigkeit, mit der du Schwüre ablegst, nur um alles dafür zu tun, dass man dich davon entbindet? Oder deine Art, einen Clan wortlos zu verlassen, der dir Obdach gewährte und dir eine Gefährtenschaft ausrichtete?“ Er sah Leon fest an. „Nein, ich kenne dich nicht. Ich weiß nicht, wer du wirklich bist. Im Augenblick bist du in meinen Augen ein leichtsinniger Kerl, der weiß, wie er sich selbst gut darstellt. Damit bist du für mich weder Freund noch Feind. Du musst mich nicht um Frieden bitten. Du hast ihn.“ Leon hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. In seinem Gesicht arbeitete es, doch er ließ Valon ausreden. Dann nickte er langsam. „Große Versprechen“, wiederholte er. „Ich gab keines, das ich nicht gehalten habe.“ Er trank einen Schluck. „Schwüre? Ich habe dir einen Schwur geleistet und nie darum gebeten, davon entbunden zu werden. Es war deine Entscheidung. Steh zu dieser.“ Nun erhob er sich wieder. Die anfänglich versöhnliche Ruhe war nicht verschwunden, aber unter ihr lag Stahl. „Das Weib vom Blut deines Bruders habe ich immer gut behandelt. Das ist kein Vorwurf, der mich wirklich trifft, und doch ist es ein Vorwurf. Dein Bruder hält mich für einen Piraten. Und warst du es nicht, der erst sein Wort gab und es dann zurückzog?“ Sein Blick deutete in Enyas Richtung. Er sprach nicht aus, was zwischen ihr und Valon geschehen war. Das musste er nicht. „Ich bin bereit, das zu vergessen und dir eine Freundschaft anzubieten. Alles, was einmal war.“ Valon ließ sich nicht in eine Rechtfertigung drängen. Er hob sein Horn leicht an und erinnerte Leon an das Feld. Leon habe versprochen, es zu bestellen, und erklärt, niemand müsse sich um die nächste Ernte sorgen. Wenn Leon nun behaupte, niemals ein Versprechen gebrochen zu haben, wisse Valon nicht, wer diese Worte damals gesprochen hatte. Leon hob eine Braue. Er hätte die Gründe aufzählen können, die ihn fortgeführt hatten. Er hätte den alten Streit an jedem einzelnen Punkt neu entfachen können. Doch er war nicht gekommen, um eine vergangene Aussaat zu gewinnen. Er ließ den Vorwurf stehen und kam auf das zurück, was er brauchte. „Eine Freundschaft“, sagte er. „Wie ich dir bereits sagte. Handel und gegenseitige Unterstützung.“ Er erklärte Valon, was die Eisenbrecher anzubieten hatten. Die Eiserne Verr konnte Waren rasch über die Thassa bringen. Auf der Eiseninsel gab es Salz, Met und andere Dinge, die der Clan herstellte. Umgekehrt waren Glens Fähigkeiten als Schreiner willkommen. Und wenn einer der beiden Orte Hilfe brauchte, konnten starke Krieger einander unterstützen. „Die Freundschaft wird wachsen, wenn wir heute die Saat säen“, sagte Leon. „Haben wir einen Handschlag?“ Valon lachte kurz auf. Gerade die vergangene Zeit habe ihn gelehrt, keine voreiligen Schwüre, Versprechen oder Angebote anzunehmen. Leon sitze an seinem Feuer und trinke als Gast seinen Met. Für den Anfang solle das genügen. Dann werde sich zeigen, was langsam daraus wachse. Damit hätte die Antwort beinahe stehen können. Doch Valon war mit der Vergangenheit noch nicht fertig. Er kam auf die Adoption zurück, die zwischen ihnen bereits für so viel Streit gesorgt hatte. Wenn Leon und sein Ziehvater noch einmal mit der in Valons Augen sinnlosen Adoption eines erwachsenen Weibes kämen, das bereits von einem anderen Mann adoptiert worden war, werde er sie anerkennen und anschließend seinen Schreiner als dritten Vater einsetzen, damit dieser die Adoption der anderen wieder aufheben könne. So scheine es bei ihnen schließlich zu funktionieren. „Ich kann diesen kindischen Boskmist nicht mehr hören“, brummte er. Enya blies die Wangen auf und trank. Johanna hielt ihr Horn so fest, dass ihre Knöchel hervortraten. Beide schwiegen, obwohl es ihnen sichtbar schwerfiel. Rayk ließ die Familien- und Adoptionsgeschichte ebenfalls unangetastet. Stattdessen bot er an, beim Pflügen und Säen für das kommende Jahr zu helfen. Die Dörfer des Nordens würden kleiner und weniger. Gerade deshalb müssten die verbliebenen zusammenstehen. Valon erkannte das Angebot als ehrenhaft an, lehnte die Hilfe aber ab. Sein Clan funktioniere. Wenn einer ausfalle, fingen die anderen ihn auf. Die Felder seien längst bestellt. Leon sei außerdem von seinem Schwur entbunden worden und schulde Fehu Isa nichts mehr. Rayk damit ebenso wenig. Leon schwieg einen Moment. Dann schüttete er den restlichen Met auf den Boden. „Ich bin dankbar, dass du deinen Met mit mir geteilt hast“, sagte er, „und möchte den Rest den Göttern opfern, damit sie stets über dich und die Deinen wachen.“ Er verschränkte die Arme. „Wie mir scheint, ärgert dich die alte Sache noch immer. Ich hoffe, die Asen geben dir eines Tages die Kraft, sie zu überwinden. Ich schlage vor, dass unsere Clans handeln, und hoffe, dass wir eines Tages wieder an einem Tisch sitzen und sprechen können – als Freunde.“ Valon blieb ruhig. Es ärgere ihn nicht, erklärte er, es nerve ihn. Das sei ein großer, wenn auch bescheidener Unterschied. Leon sei als Gast willkommen. Alles Weitere werde die Zeit zeigen. Wenn es Dinge gebe, die Fehu Isa brauchen könne, spreche nichts gegen Handel. Damit lag die Antwort endlich offen vor ihnen. Kein Bündnis. Keine sofortige Freundschaft. Aber Handel. Leon war mit zwei Möglichkeiten gekommen. Die Axt blieb an ihrem Platz. Er trat auf Valon zu. Enya stand dicht neben ihrem Gefährten, und Valon schob sie instinktiv ein Stück hinter sich, bevor Leon nahe genug war. Die Männer sahen einander in die Augen. Leon hob die offene Hand. „Dann besiegeln wir das. Wir sind Gäste und Händler auf Fehu Isa und ihr auf der Eiseninsel. Ein Handschlag, so wie es im Norden gemacht wird.“ Valon betrachtete erst die angebotene Hand und dann Leons Gesicht. „Aii. Du und dein Bruder seid als Gäste und Händler in Fehu Isa willkommen.“ Er betonte jedes dieser Worte, besonders das Du und dein Bruder. Dann ergriff er Leons Hand. Leon spürte den festen Griff und erwiderte ihn. Valon gewährte den Eisenbrechern kein Bündnis und versprach keine Freundschaft. Doch er gestattete Leon, mit den Waren seines Dorfes zurückzukehren. Genau dafür war Leon gekommen. „Gib den Eisenbrechern eine Chance“, sagte er nach dem Handschlag. „Aber ich respektiere deine Entscheidung.“ Er kündigte an, mit Waren wiederzukommen. Valon könne sie persönlich prüfen. Valon stimmte zu und warnte ihn nur davor, eigenen Met mitzubringen. Fehu Isa besaß eine der besten Brauerinnen, und die sollte man nicht beleidigen. Honig dagegen würde Leon gern ertauschen.
Sie verabschiedeten sich unter dem Schutz der Asen. Johanna bot an, Leon und Rayk zum Tor zu bringen. Dort bat sie Leon, Svea von ihr zu grüßen. „Danke für den Met, Johanna“, sagte Leon und zwinkerte ihr zu. „Gerwin hat ein Glück mit dir.“ Johanna lachte und rollte mit den Augen. Rayk wünschte ihr sichere Wege und stets genug Hitze im Töpferofen, damit ihre Waren weiterhin zu den besten Gors gehörten. Dann öffnete sie das Tor. Erst als es hinter den Brüdern wieder geschlossen war, blickte Johanna an sich hinunter und fragte sich, ob ihr Kleid tatsächlich so eng saß. Leon war bereits einige Schritte entfernt, sah aber noch einmal zum Tor zurück. Danach wandte er sich endgültig dem Weg zum Schiff zu. Eine Weile gingen die Brüder schweigend. Dann schlug Leon Rayk die Hand auf die Schulter – fester, als es nötig gewesen wäre. „Dieser dreckige kleine Bastard hatte mich fast so weit, ihm ein blaues Auge zu verpassen“, knurrte er. „Odin sei Dank konnte ich meine Unbeherrschtheit zügeln.“ Er ließ den Nacken knacken. „Aufs Schiff. Morgen wollen wir wieder zu Hause auf der Eiseninsel sein. Und dann mach dich auf ein blaues Auge gefasst. Oder willst du mich zum Duell fordern?“ Rayk grinste feist. Er müsse sich diese Mühe nicht machen. Vielleicht falle Leon bei höherem Wellengang zufällig über Bord. Leon grinste nicht. Er versprach Rayk, Sven werde sich freuen, die Nacht bei ihm zu verbringen und ihn zu bewachen. „Bruder“, fügte er hinzu. Das Wort war ungewohnt. Leon hatte Brüder gehabt. Nun waren sie tot, und vor ihm ging ein Mann, dessen Blut ebenfalls von Duncan stammte. Leon wusste noch nicht, ob er in Rayk einen Bruder gefunden oder einen künftigen Gegner mit nach Hause gebracht hatte. „Zu Hause werde ich dir erklären, was vor dir war.“ Rayk rümpfte bei der Erwähnung Svens die Nase. Dann widersprach er Leon. „Zu Hause? Es ist deine Heimat, nicht meine. Ob sie das jemals sein wird, wissen nur die Götter.“ Leon drängte ihn zu keinem Bekenntnis. Als Rayk drohte, Sven über die Reling zu werfen, bot Leon sogar seine Hilfe an. Danach gingen beide an Bord. Die Segel wurden gesetzt, und Fehu Isa verschwand hinter ihnen.

Am folgenden Tag erreichte das Schiff die Eiseninsel. Als der Rumpf am Anleger zur Ruhe kam, stand Leon Rayk gegenüber. Sven hielt sich vorsichtshalber im Hintergrund. Er hatte die Spannung in Leon längst bemerkt. „Wir sind zu Hause“, brummte Leon. „Wir klären das jetzt, Bruder.“ Er starrte Rayk an. Seine Arme waren angespannt, die Hände zu Fäusten geschlossen. „Du willst mich also zum Duell herausfordern und unseren Vater rächen? Hier bin ich, Witzbold. Was willst du tun? Dein Schwert ziehen? Reden? Oder raufen wie zwei Jungen, von denen einer dem anderen eine Süßigkeit gestohlen hat?“ Rayk schnaubte, blieb aber ruhig. Er zog kein Schwert und erhob auch nicht die Stimme. „Wenn hier einer der Witzbold ist, dann du. Erklär mir, warum du deinen Vater tötest und danach nicht seinen Clan anführst. Stattdessen führst du einen anderen auf einer Insel, auf der es reichlich salziges Thassawasser gibt, aber sonst nicht viel.“ Leon lachte kurz, ohne dass die Anspannung aus seinem Körper wich. „Du hältst dich wohl für besonders schlau.“ Er stapfte auf Rayk zu, bis sie einander beinahe mit den Nasen berührten. Keiner wich zurück. „Du kennst deinen Vater nicht. Du kennst nicht einmal deine Brüder, die er beide getötet hat.“ Leon spuckte neben sich auf die Planken. „Hat er dir je von Hrothgar und Wulfgar erzählt, Witzbold?“ Rayks Blick blieb kühl. „Ich frage nicht Vater. Der ist nicht hier. Ich frage dich. Warum hast du ihn getötet? Und was ist mit den beiden Brüdern geschehen?“ Leon schüttelte den Kopf. „Du weißt gar nichts. Er hat sie nach Valhalla geschickt und mich wollte er in Hel sehen.“ Sein Blick glitt an Rayk hinab und wieder hinauf. Dann verlangte er zu wissen, wann Rayk ihm seine wahre Identität hatte offenbaren wollen. Leon griff nach dessen Weste, ohne ihn zunächst wirklich anzugreifen, und ließ wieder los. „Sollte die kleine Sklavin mich für dich ausspionieren? Hast du sie mir deshalb gleich am ersten Tag geschenkt?“ Nun ruckte er stärker an Rayks Schulter, abfällig und provozierend. Rayk ließ sich noch immer nicht zu einem Schlag reizen. Er schob Leons Hand beiseite und lachte über den Verdacht. Nicht einmal Loki könne sich den Unsinn ausdenken, den Leon da zusammenspann. Rayk habe die Sklavin auf dieser Insel gefangen und genauso wenig gekannt wie Leon. Die Eiseninsel sei Leons Zuhause. Rayk war ein Wanderer. Warum sollte er sich mit jemandem belasten, der Nahrung und Kleidung kostete? Leons Körper begann sich ein wenig zu entspannen. Seine Laune besserte sich nicht, doch der Verdacht verlor an Kraft. „Dein Vater hat jeden seiner Söhne bekämpft“, sagte er und tippte Rayk mehrmals gegen die Schulter. „An mir ist er gescheitert.“ Dann wandte er sich ab, bemerkte Sven und entschied, dass wenigstens einer von ihnen sofort in der Thassa landen würde. Er packte ihn und warf ihn über Bord. „Du stinkst!“ Als der Geruch mit Sven über die Reling verschwand, wurde Leon tatsächlich ruhiger. Er blickte wieder zu Rayk. „Es wird Zeit, dass wir einen Met trinken und sprechen. Außer du willst dein Duell. Ich bin bereit und lehne es nicht ab.“ Rayk trat näher. Wenn Leon es zuließ, wollte er ihm offenbar kameradschaftlich den Arm auf die Schulter legen. Im nächsten Augenblick hatte er ihn halb im Schwitzkasten und rieb mit den Fingerknöcheln über dessen geflochtenes Haar. „Du bist echt anstrengend“, brummte Rayk. „Er hat also seine Söhne bekämpft. Warum? Welchen Grund sollte er dafür gehabt haben?“ Leon wollte den Arm wegschlagen, doch Rayk hatte ihn bereits fest. Er musste die Albernheit über sich ergehen lassen. Sein Schnauben wurde schwerer. Die Wut, die er vor Valon zurückgehalten, während der Überfahrt getragen und eben nur teilweise an Sven ausgelassen hatte, kochte erneut hoch. Dann rammte er Rayk die Faust von unten in den Magen. Rayks Körper klappte zusammen. Sein Griff löste sich, und für zwei Atemzüge rang er nach Luft. Als er sich wieder aufrichtete, waren seine Hände oben. Das Spiel war vorbei. Jetzt war es ein Kampf. Rayk schlug nach Leons Kinn. Leon wich geschmeidig zurück. Die Faust fuhr ins Leere, und Leon nutzte die Bewegung sofort für eine Gerade gegen Rayks Auge. Der Treffer saß hart. Rayks Kopf ruckte zur Seite. Tränen schossen ihm ins getroffene Auge, während der Schmerz in der Augenhöhle pochte. Vom Ufer drang plötzlich ein lauter Ruf zu ihnen. Baljaro suchte Skar und hatte die beiden Männer auf dem Schiff entdeckt. Die Ablenkung kostete Rayk den nächsten Augenblick. Sein eigener Schlag strich an Leons linker Wange vorbei. Leon stand mit zusammengepressten Zähnen vor ihm. „War das schon alles, Ragnadal?“ Der Name traf beinahe so bewusst wie die nächste Faust. Leon nannte ihn nicht Wanderer und nicht nur Bruder. Er forderte das Blut Duncans in ihm heraus. Sein nächster Schlag traf Rayk erneut im Gesicht. Das verletzte Auge schwoll nun rasch zu. Rayk gab trotzdem nicht auf. Er setzte zu einem Hieb in die Magengrube an und wollte Leon denselben Schmerz zurückgeben, mit dem alles begonnen hatte. Leon machte lediglich einen Schritt zur Seite. „Man sollte wissen, wann man geschlagen ist.“ Er griff Rayk am Kragen und trieb ihn rückwärts gegen die Reling. Rayk stemmte sich dagegen. Für einige Augenblicke hielt er stand, während beide Männer mit Armen, Schultern und Gewicht rangen. Leon setzte nach. Schließlich hing Rayk halb über der Reling. Ein letzter Tritt in den Hintern beendete seine Gegenwehr. Kopfüber stürzte er in die kalte Thassa. Als Rayk wieder auftauchte, fluchte er laut. Wasser lief ihm aus Haar und Bart. Schlimmer noch: Ein Teil seiner Pfeile trieb bereits davon. Er griff nach ihnen, bevor die Strömung sie mitnehmen konnte, doch nicht alle ließen sich retten. Baljaro hatte den Kampf vom Ufer aus beobachtet. Leons ersten Schlag hatte er nicht gesehen und deshalb zunächst geglaubt, der fremde Mann habe den Jarl angegriffen. Trotzdem hatte er nicht eingegriffen. Im Norden wurden manche Dinge mit Fäusten geklärt. Nur für den Fall, dass einer der beiden die Kontrolle verlor, hatte der alte Waldschrat sein Gladius bereitgehalten. Nun lachte er dunkel und hielt Rayk die Waffe als Ausstiegshilfe hin. „Bis einer weint“, rief er. „Nimm es wie ein Kerl. Pfeile kann man neu machen. Noch niemand hat durch einen Faustkampf seine Ehre verloren. Vielleicht ein wenig Stolz, aber das hat noch niemandem geschadet.“ Leon lachte nicht. Er richtete seinen Gürtel, sah kurz auf seine schmerzenden Knöchel und ging an Land. Erst dort bemerkte er Baljaro richtig. „Ein kleiner Kampf mit dem kleinen Bruder“, erklärte er. Rayk zog sich währenddessen auf den Steg. Er kippte Wasser aus Köcher und Stiefeln und prüfte, ob er in einem davon versehentlich einen Fisch gefangen hatte. Es war nur Wasser darin. Sein Auge begann sich in ein stattliches Veilchen zu verwandeln. Red erschien und fragte trocken, ob heute Badetag sei. Leon schenkte ihr ein Lächeln. „Nein. Wir haben uns nur ein wenig ausgesprochen. Nicht wahr, Bruder?“ Rayk brummte etwas Unverständliches in seinen Bart. Dann klemmte er die Stiefel unter den Arm und stapfte barfuß in Richtung Halle. Eine deutliche Tropfspur blieb hinter ihm zurück. Baljaro rief ihm spöttisch nach, er habe schon höflichere Männer erlebt. Rayk hatte weder gegrüßt noch sich für die Hilfe bedankt. Doch was konnte man erwarten? Im Norden sei man für Gastfreundschaft bekannt, nicht für Höflichkeit. Leon erklärte, sein kleiner Bruder sei angepisst und müsse sich erst wieder fangen. In Fjölnir habe er herausgefunden, dass Duncan noch einen weiteren Sohn gezeugt hatte. Rayk sei gekommen, um Duncans Tod zu rächen, ohne zunächst zu wissen, dass der gesuchte Mann sein eigener Bruder war.
Danach ging Leon ebenfalls zur Halle. Red brachte ihm einen Krug Met. Seine Knöchel waren inzwischen rot und blau, und selbst als er ihr auf das Leder am Hintern schlug, verzog er kurz das Gesicht. „Da prügelt man seinem Bruder eine Lektion in den Leib und verletzt sich selbst dabei“, sagte er und lachte. Er ließ Red den Krug tragen und setzte sich draußen unter den großen Baum. Dort fragte er sie, wie es ihr bei Baljaro erging. Red begann zu schwärmen. Sie und der Waldschrat hatten ein Bett gebaut. In der Höhle gab es nach der Überflutung noch viel zu tun, doch sie liebte den Wald, den Wind in den Blättern, die Vögel und das Wasser am Ufer. Leon legte ihr Bein über seinen Schoß und strich darüber. „Dann war es keine schlechte Wahl.“ Danach fragte er ernst nach Baljaros Zustand. Red berichtete, der alte Mann sei sturer als neun Bosk. Er schone sein verletztes Bein nicht, schleppe Dinge aus der Höhle und wolle bereits wieder trainieren. Leon wies sie an, auf ihn zu achten. Es solle Baljaro an nichts fehlen. Rayk kehrte mit einem eigenen Horn zurück. Das Auge war dick zugeschwollen, doch er konnte mit dem anderen noch immer vernichtend genug schauen. „Setz dich“, sagte Leon. „Und wenn du mich noch einmal in den Schwitzkasten nimmst und mit deinen Albernheiten nervst, breche ich dir etwas.“ Damit war die Drohung für ihn erledigt. „Vielleicht interessiert dich mehr, was du von unserem Vater nicht weißt. Und wie deine Brüder durch ihn ihren Tod fanden.“ Rayk starrte ihn an. „Bei Odin, das habe ich dich längst gefragt. Aber du bist sturer als ein alter Tattergreis, der binnen weniger Ihn vergisst, was man ihn gefragt hat. Also: Was sollte ich wissen?“ Asa kam vorbei. Leon stellte ihr den Mann mit dem zugeschwollenen Auge vor. „Das ist Rayk, mein Bruder.“ Rayk widersprach nicht. Er grüßte Asa knapp, während Red ihm ein kühles, blutiges Stück Fleisch auf das Auge legte. Leon hob seinen Met. „Unser Vater ist ein ehrenvoller Mann gewesen. Aber seine Söhne und einige seiner Weiber kannten seine andere Seite.“ Rayk deutete an, das Horn nach ihm zu werfen. „Entweder hörst du auf, in Rätseln zu sprechen, oder du behältst dein Wissen für dich. Noch einmal frage ich nicht. Berichte oder halt die Schnauze.“ Leon schüttelte den Kopf. Rayk habe ein paar Prügel kassiert und sei baden gegangen. Jetzt werde getrunken und gesprochen. Dann erzählte er endlich. Duncan hatte Leon während seines sechzehnten Winters in die kalte Wildnis geschickt. Von da an hatte Leons Leben aus Kampf bestanden. Hrothgar und Wulfgar dagegen waren anders aufgewachsen. Als Duncan den Schädel ihrer Mutter vor seiner Halle aufhängte, lehnten sie sich gegen ihn auf. Beide starben durch die Axt ihres Vaters. Leon erhob sich. Er wollte bei diesen Worten nicht sitzen. Den Arm mit dem Metkrug legte er um Reds Schultern. „Warum glaubst du, konnte ich dich so einfach verprügeln? Und wie konnte ich ihn im fairen Holmgang töten?“ Rayk hielt das rohe Fleisch an sein Auge und sah Leon mit dem anderen an. „Wie sagst du immer? Du weißt nichts. Du weißt nicht, wie ich aufgewachsen oder erzogen worden bin.“ Damit hatte er recht. Leon kannte nur, was er auf der Reise und im Kampf gesehen hatte. „Aber erzähl ruhig weiter“, fügte Rayk hinzu. Leon schmunzelte. „Ich weiß jetzt, wie du kämpfst.“ Er hatte außerdem gesehen, dass Rayk nicht leicht aufgab, selbst wenn er bereits am Boden lag. Das gefiel ihm. Dennoch brauche sein Bruder Training – und Abstand von den Ragnadals. Leon küsste Red an die Schläfe, ließ sie los und hielt Rayk den Krug entgegen. „Stoß an, wenn du hierbleiben willst. Lern deinen großen Bruder kennen. Und vor allem lern, wie du mich wirklich schlagen kannst.“ Sein Blick blieb fest auf Rayk gerichtet. „Brüder?“ Rayk schwieg einen Moment. Dann erinnerte er Leon an den Mann, mit dem dieser am Vortag gesprochen hatte. „Ich bin kein Spring-ins-Feld wie du, der leichtfertig Schwüre spricht. Ich kann dir nur zusichern, dass ich noch die eine oder andere Hand bleibe. Danach ziehe ich weiter – oder der Winter zwingt mich, bis zum Frühjahr zu bleiben.“ Es war kein Schwur und keine Zusage, die Eiseninsel zur Heimat zu nehmen. Es war aber auch keine Abreise. Leon nickte. Er zwang Rayk nicht zum Anstoßen. „Wann immer du deine Rache willst, verwehre ich sie dir nicht. Doch ein Bruder wäre mir lieber als ein Feind. In deinem Herzen bist du ein guter Kerl. Das habe ich im Kampf und auf unserer Reise gemerkt.“ Dann musste Leon noch einmal zum Hafen. Er überließ Red die Aufgabe, sich um Rayk zu kümmern. Zuwendung werde dem guten Kerl nicht schaden. Rayk hob den Arm, und Red schlüpfte mit einem sonnigen Lächeln darunter. Sie drückte das Fleisch wieder auf sein verrutschtes Auge und schmiegte sich an ihn. Rayk nutzte ihren Ausschnitt als Ablage für sein Horn und legte die nun freie Hand auf ihren Hintern. Er fragte sie, ob sie der Rotschopf sei, der im Sturm so viel Pech gehabt hatte.

Später kam Skar vorbei. Er bemerkte Rayks Veilchen, kannte den Grund aber nicht und scherzte, dessen Augen seien ihm wohl noch nicht blau genug gewesen. Rayk behauptete, er habe nur in den Genuss besonderer Fürsorge durch die Bonds kommen wollen. Ein Knochenbruch wäre dafür schließlich übertrieben gewesen. Skar lachte, bis seine eigenen Rippen ihn schmerzhaft daran erinnerten, dass auch er noch nicht vollständig genesen war. Vor Leon verbarg er den Schmerz. Als der Dorfjarl zurückkam, grüßte Skar ihn förmlich und lobte den Erfolg der Reise. Die Götter seien mit Leon gewesen. Bei einem späteren Met wolle er hören, wie alles verlaufen war. Leon nannte ihn seinen Huskarl und berichtete, dass Baljaro ihn gesucht hatte. Dann sah er zu Rayk und Red, die noch immer eng beieinanderstanden. „Seid ihr hier angewurzelt? Ich dachte, ihr würdet es in den Fellen krachen lassen.“ Er grinste Rayk an. „Lass dir nicht zu lange Zeit, sonst nehme ich sie mit ins Fell.“ Rayk griff Red fester. Seine Finger gruben sich prüfend in ihre Backe. Red begegnete ihm nicht mit Scheu. Sie drückte ihr Becken gegen ihn, ließ die Hüften kreisen und hielt seinen Blick. Rayk zog sie an sich und küsste sie. Sie erwiderte den Kuss hungrig. Leon beobachtete die beiden, ohne Eifersucht zu zeigen. Dann ging er in die Halle, wo er sich über ein Spielbrett beugte und die Stellung der Steine studierte. Rayk und Red blieben noch eine Weile draußen. Schließlich löste Rayk den Kuss nur langsam. „Komm“, raunte er an ihrem Ohr. „Lass uns in die Halle.“ Red klammerte sich an ihm fest und bedeckte seinen Hals mit Küssen, während er sie mit der Hüfte in Richtung Eingang schob. Trotz seines zugeschwollenen Auges brachte er sie beinahe unfallfrei hinein. Nur an einem Pfosten stieß er sich leicht die Schulter. In der Halle ließ Rayk das Tuch mit dem Fleisch auf den Tisch fallen. Dabei gerieten Leons Spielsteine ins Wanken. Red landete an der Tischkante, weitere Figuren kippten um. Leon hob langsam den Kopf. „Mir ist egal, ob ihr hier fickt oder nicht“, sagte er, „aber werft mir nicht die Steine um.“ Er stellte sie wieder auf und beugte sich erneut über das Brett. Red und Rayk kümmerten sich wenig darum. Als schließlich die gesamte Stellung zerstört war, atmete Leon tief durch. Es hatte sich ausgeberserkert. Rayk sah zu seinem Bruder und grinste. Anstatt Red für sich allein zu beanspruchen, führte er ihre Hand in Leons Richtung. „Ich glaube, du musst da erst einmal etwas gutmachen. Lass die Figuren. Die Sklavin ist doch viel interessanter.“ Leon lehnte sich mit seinem Met an den Tisch und betrachtete die beiden wie ein Mann in einer Taverne. „Ihr seid wilder als Thor und Sif“, sagte er. Dann lachte er. „Du bist ein seltsamer Kauz, ganz der Vater. Erst erfahren wir, dass wir Brüder sind. Dann verprügle ich dich. Und jetzt willst du die Bond mit mir teilen.“ Red sah zwischen ihnen hin und her. Rayks Andeutung hatte sie zunächst nicht verstanden. Für einen Augenblick glaubte sie, sie solle vielleicht wirklich die verstreuten Steine aufsammeln. Leon bemerkte ihre Unsicherheit und beseitigte jeden Zweifel mit einer direkten Frage. Ob sie überhaupt zwei Männer aushalte. Red zuckte mit den Schultern. Die Hitze in ihrem Körper war längst stärker als ihre Scheu. „Das werden wir dann wohl herausfinden, mein Jarl.“ Rayk führte sie näher zu Leon. Der wiederum übernahm nun die Führung, griff nach ihrem Handgelenk und anschließend in ihr Haar. Dann sah er über sie hinweg zu Rayk. „Was willst du, Bruder?“ Es war keine Konkurrenz zwischen ihnen. Leon gab Rayk freie Wahl und entschied anschließend, dass sie die offene Halle verlassen würden. Er mochte es gemütlich. „In mein Gemach“, befahl er Red. „Jetzt.“ Sie löste sich von den beiden Männern und ging voraus. Ihre Hüften bewegten sich bewusst langsam und verführerisch. Rayk sah ihr hinterher, richtete seine Kleidung notdürftig und schüttelte ungeduldig den Kopf über Leon, der sie seiner Meinung nach schon oft genug von einer Ecke in die andere geschickt hatte. Dann folgte er ihr.
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