Als die Thassa Stieg…

Die Alena des Fischers gestrandet im Sturm.

Der Tag hatte mit einer Entscheidung begonnen. Red sollte Baljaro unterstellt werden. Nicht verschenkt. Nicht aus dem Clan gelöst. Sie blieb Eigentum der Eisenbrecher und damit auch weiterhin eine Bondmaid Leons. Aber der alte Waldschrat sollte unmittelbar über sie verfügen, solange er auf der Insel blieb. Leon hatte Svea bewusst in diese Entscheidung einbezogen. Er kannte seine eigenen Stärken. Er kannte allerdings auch seine Grenzen. Bei Menschen besaß sein Weib bisweilen das feinere Auge, und gerade bei Red wollte er keinen Mann auswählen, der sie irgendwann geschunden zurückbrachte. Skar war eine Möglichkeit gewesen. Hitzköpfig, aber mit gutem Herzen, dazu ein Mann, der gemeinsam mit seinem Vater einen erheblichen Teil dessen geschaffen hatte, was heute auf der Eiseninsel stand. Baljaro war die andere. Der alte Jäger wirkte häufig im Verborgenen. Er hatte die Insel vor den Sleens gewarnt, sein Wissen angeboten und Svea versprochen, über den Winter zu bleiben und für Fleisch zu sorgen. Svea hatte schließlich den Ausschlag gegeben. Skar stand ohnehin eine andere Anerkennung in Aussicht. Wenn er sich bewährte, sollte sein Platz an Leons Seite sein. Baljaro dagegen tat viel, ohne jemals etwas dafür zu verlangen. Also wurde er gerufen. Leon saß dabei noch in der Badewanne, von Svea höchstpersönlich dorthin verbannt, während Baljaro vor ihm stand und zunächst überhaupt nicht verstand, weshalb man ausgerechnet ihn belohnen wollte. „Ich erwarte nicht, dass irgendetwas von dem gesehen wird, was ich tue, Leon.“ „Das weiß ich“, hatte Leon geantwortet. „Und genau das schätze ich an dir.“ Dann hatte er Red genannt. Baljaro hatte sie lange angesehen. „Bist du sicher, dass du das tun willst? Bei mir wird sie ein hartes Leben führen. Ich weiß nicht, ob sie für den Wald taugt.“ Und schließlich hatte der alte Mann eine Bedingung gestellt. Wenn Red sich als ungeeignet für dieses Leben erwies, würde er sie zurückbringen. Ohne Strafe. Nicht jeder Mensch war für Kälte, Nässe, Wald und Höhlen geschaffen. Leon hatte zugestimmt. An Red fehlte es nicht an Arbeitswillen. Davon war er überzeugt. „Sie ist ein gutes Mädchen.“ Baljaro hatte trocken geantwortet: „Sklaven sind nicht zum Ficken da, sondern zum Arbeiten. Ficken ist Beiwerk.“ Leon hatte gegrinst. Damit war die Sache entschieden. Am nächsten Tag sollte Red das alte Brandmal der Eisenbrecher erhalten – Axt und Kette. Danach wollte Leon sie persönlich zum Waldschrat bringen. So lautete der Plan. Die Götter schienen an diesem Tag allerdings wenig Interesse an den Plänen der Menschen zu haben.

Der Regen nahm zu. Dann kam der Wind. Und irgendwann war aus schlechtem Wetter ein Sturm geworden. Die Halle füllte sich mit Menschen. Reisende aus Enkara waren wegen des Wetters noch auf der Insel. Ein Fischer namens Anteo war aufgetaucht, dessen Alena vor der Küste leckgeschlagen und auf einer Sandbank zum Liegen gekommen war. Das Gebälk der Halle knarrte. Der Wind pfiff durch die Ritzen. Draußen wurde die Thassa immer lauter. Svea hielt Vignar bei sich. Der kleine Junge wusste nichts von beschädigten Schiffen und überfluteten Wegen. Er ballte seine winzigen Hände, gähnte und schlief, während die Erwachsenen mit jedem Donnerschlag häufiger zu den Türen blickten. Leon kam durchnässt zurück. „Anlegeplatz kann man unseren Steg nicht mehr nennen“, stellte er fest. „Mein Schiff ist abgetrieben, aber meine Männer haben das unter Kontrolle. Und das Boot von dem da …“ Er deutete auf Anteo. „… kann man eher Wrack nennen.“ Dann grinste er. „Aber nichts, was die Insel nicht schon gesehen hätte. Es ist eine Insel.“ Es war typisch Leon. Trotz und Beruhigung in einem Satz. Svea kannte ihn gut genug, um zu sehen, dass er keineswegs so gelassen war, wie er sich gab. Sein Blick ruhte nirgendwo lange. Vignar. Die Tür. Die Gäste. Die Thassa. Die Männer draußen. Alles, was zu seiner Insel gehörte, zog in solchen Augenblicken an ihm. Als schließlich nicht mehr auszuschließen war, dass draußen Menschen in Not waren, reichte Svea Vignar an Bess weiter. „Kannst du auf ihn aufpassen?“ Bess nahm den kleinen Jarl. Svea zog ihren dünnen Mantel enger. „Jemand sollte nachsehen. Wenn dort draußen jemand Hilfe braucht und allein gelassen wird, wäre das unverantwortlich.“ Leon sah sie an. „Du solltest da nicht rausgehen, mein Weib.“ Noch war es kein Befehl. Nur Sorge. Svea ging trotzdem. Natürlich ging sie. Sie war Heilerin. Die Vorstellung, dass irgendwo jemand verletzt im Sturm lag, während sie am Feuer saß, war für sie unerträglich. Imani bemerkte es ebenfalls. Die junge Bond dachte nicht lange nach. Sie holte Verbände. Salbe. Paga zum Reinigen von Wunden. Und schließlich Leons schweren, mit Fell besetzten Mantel. Dann rannte sie hinter Svea her. Als sie ihre Herrin erreichte, warf sie ihr das Fell beinahe ungefragt über die Schultern. „Du holst dir ja noch den Tod, meine Herrin.“ Svea lächelte. Wieder. Schon wieder zeigte diese wilde Bond ihr gegenüber eine Fürsorge, die niemand ihr befohlen hatte. Svea breitete Leons großen Mantel schließlich so weit aus, dass auch Imani darunter Schutz fand. Für einige Augenblicke standen Herrin und Bond gemeinsam unter seinem Fell, während der Sturm an ihnen zerrte. Leon sah es. Und hatte genug. „Ich will dich heute nicht mehr draußen sehen, bis der Sturm vorbei ist! Hast du mich verstanden, Svea Aegirsdottir?!“ Svea wollte zunächst abwinken. Dann hörte sie ihren vollständigen Namen. Sie kannte diesen Ton. Das war kein Augenblick für einen ehelichen Machtkampf. Sie senkte das Haupt. „Wir schicken euch die Männer aus Enkara!“ Imani wurde von ihr unter dem Mantel mitgezogen. „Jedenfalls sollte meine Herrin nicht unter dem alten Baum stehen bleiben. Nachher bricht noch ein Ast.“ Leon sah ihnen hinterher. „Weiber.“ Dann wandte er sich wieder dem Sturm zu.

Der überschwemmte Anlegeplatz der Eiseninsel im Sturm.

Skar dachte derweil an Holz. Der Kai stand unter Wasser. Das Bauholz für die Schiffe drohte fortgeschwemmt zu werden. „Ich brauche jede helfende Hand!“ Leon wollte zunächst, dass er sich Anteos Boot ansah. Skar funkelte ihn an. „Bevor ich mir irgendwelche fremden Schiffe oder Boote ansehe, rette ich erst das Holz! Sonst kann ich nichts reparieren!“ Es war kein Aufstand. Es war Fachwissen. Ein Boot konnte noch einige Zeit auf einer Sandbank liegen. Ein Brett, das die Thassa nahm, war fort. Leon grummelte. Und ließ Skar machen. Auch das war Führung. Ein Jarl musste nicht in jedem Augenblick selbst der Mann sein, der am meisten verstand. Leon machte sich stattdessen zu einer Hütte auf. Darin lag Radolf. Der tote Krieger hatte diese Hütte niemals bewohnt. Überhaupt hatte er nie auf der Eiseninsel gelebt. Er war von einer Nachbarinsel gekommen. Als seine Familie bedroht worden war, hatte Radolf Weib und Kind verteidigt und dafür mit seinem Leben bezahlt. Sein Weib hatte mit dem Säugling in einem kleinen Ruderboot fliehen können. Radolfs Leib war aus dem Wasser geborgen worden, und schließlich hatten sie die Eiseninsel erreicht. Mutter und Kind waren später weitergezogen. Radolf war geblieben. Nicht weil er ein Eisenbrecher gewesen wäre. Sondern weil der Clan der Ansicht war, dass ein Mann, der sein Leben für Weib und Kind gab, einen äußerst ehrenvollen Tod gestorben war. Und ein solcher Mann sollte ehrenvoll bestattet werden. Bis dahin lag sein Leib in dieser Hütte. Als Leon die Tür öffnete, schlug ihm der beißende Geruch des Todes entgegen. „Na wenigstens wird hier mal gelüftet.“ Er verkeilte die Tür gegen den Sturm. Dann begann er, Holz hineinzuschaffen. Bis ihm die Vulos auffielen. Leon zählte. Noch einmal. „Na schöne Scheiße.“ Einige waren ausgebrochen. Und so begann einer der unwürdigsten Kämpfe in der bisherigen Geschichte des Jarls der Eiseninsel. Leon Eisenbrecher, Sohn Duncans, Mann der Thassa, und Krieger, jagte Hühner. Das erste wich ihm aus. Beim nächsten Versuch rutschte er auf dem schlammigen Boden weg und schlug mit dem Kinn voran in den Dreck. Wütend donnerte er die Faust in den Boden. „Verdammte Drecksviecher!“ Beim folgenden Versuch bekam er eines. „Na geht doch.“ Das nächste nicht. Anteo half schließlich und trat eines der Tiere vor sich her. Leon fuhr herum. „HEY! Lass das!“ Er selbst durfte seine Vulos beschimpfen. Andere traten seine Tiere nicht. So funktionierten die Dinge. Doch irgendwann wurde Leon bewusst, dass die versprochene Hilfe nicht auftauchte. Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht, obwohl die Geste vollkommen sinnlos war, und machte sich auf den Weg zurück zur Halle, um nach den anderen zu sehen. Dabei fiel sein Blick zur Thassa. Er blieb stehen. Nicht weit von der Insel erhob sich eine gewaltige Wasserhose aus dem Meer. Dann sah er eine zweite. Und noch eine. Für einige Herzschläge waren die Vulos vergessen. Die Eiserne Verr war draußen. Und Sven war bei ihr. Leon dachte in diesem Augenblick nicht an den Mann, über dessen Geruch er sich ständig lustig machte. Nicht daran, wie oft er gedroht hatte, ihn in die Thassa zu werfen, damit er endlich sauber wurde. Dort draußen war einer seiner Krieger. Ein loyaler Mann. Einer, von dem Leon wusste, dass er Schiff und Besatzung nicht verlassen würde, solange noch Kraft in ihm steckte. Und Leon konnte nichts tun. Gegen einen Mann konnte er kämpfen. Gegen Sleens konnte er eine Jagd organisieren. Gegen die Thassa half keine Axt. „Hoffentlich ist Odin bei Sven“, murmelte er. Mehr konnte er für seinen Krieger in diesem Augenblick nicht tun. Also zwang er sich, weiterzugehen und dort zu handeln, wo er handeln konnte.

Während Männer Holz, Boote und Tiere sicherten, arbeiteten Red und Imani. Niemand stand neben ihnen und verteilte jeden einzelnen Handgriff. Es war auch nicht nötig. Red sah die überschwemmte Gerberei. Das Wasser stand bereits hoch. Sie kletterte durch ein Fenster, denn durch die Tür wäre noch mehr Wasser hereingedrungen. Felle schwammen darin. Andere hingen gefährlich tief. Red begann zu retten, was noch zu retten war. Felle in Fässer. Nasse Stücke aus dem Wasser. Brauchbare höher hängen. Werkzeug sichern. Sie wusste, dass Bess in der Halle saß und wahrscheinlich bereits glaubte, ihr Lebenswerk schwimme davon. Red arbeitete. Nicht für Leon. Nicht aus Angst vor der Peitsche. Nicht um Baljaro zu beeindrucken. Weil es getan werden musste. Imani führte währenddessen ein Maultier samt Karren über den teilweise überfluteten Steg. Das Tier strauchelte. Einmal glaubte sie, es werde sich noch ein Bein brechen. Sie zwang sich selbst zur Ruhe. Strich ihm über den Kopf. Summte. Sprach leise mit ihm. Das Tier beruhigte sich. Oben angekommen begann sie mit den Brettern. Red kam mit den ersten geretteten Fässern. „Wir lassen die Bretter erstmal unter dem Dach“, entschied Imani. „Nicht dass noch mehr Baumaterial wegkommt.“ Dann wieder hinunter. Noch eine Ladung. Hände schmerzten. Holzsplitter bohrten sich in die Haut. Muskeln brannten. Kleider klebten nass an ihren Körpern. Sie arbeiteten weiter. Als der Hang schließlich so glatt geworden war, dass selbst das Maultier kaum noch Halt fand, erkannte Imani die Gefahr. „Ausspannen. Wir führen das Tier. Der Karren rutscht so nach unten.“ Red half. Das Tier wurde ausgespannt. Der Karren schlingerte trotzdem. Dann verlor Red den Halt. Ihr Kopf schlug gegen einen Felsen. Für einige Augenblicke blieb sie liegen. Dann kam das Adrenalin. Sie stand wieder auf. Blut lief aus einer Platzwunde und vermischte sich mit Regen und Schlamm. Red bemerkte es kaum. Es gab Arbeit. Also arbeitete sie. Imani bemerkte es. „Verdammte Verrpisse!“ Ihre Erschöpfung war plötzlich vergessen. „Hilfe! Wir brauchen Hilfe!“ Sie packte Red und lehnte sie gegen den Karren. „Sitzen bleiben. Ich hol Hilfe.“ Den eigenen Umhang legte sie wie eine Decke über die verletzte Bond. Dann kämpfte sie sich den Hang hinauf.

Die Verrs und das Maultier, das den Karren zog im Sturm.

Leon war inzwischen bei den Verr. Auch dort hatte der Sturm seinen Preis verlangt. Ein jüngeres Tier lag am Boden. Das Bein war gebrochen. Leon kniete sich daneben. „Was ist dir denn passiert?“ Als er das Bein berührte, blökte das Tier vor Schmerz. „Da musst du jetzt durch.“ Er hob es vorsichtig an und trug es in den Stall. Dann entdeckte er Imani. „LARL! Komm her und steh da nicht dumm rum!“ Sie sah ihn an, als hätte der Regen inzwischen auch seinen Verstand aus dem Schädel gespült. „Red. Kopfwunde. Brauchen Hilfe.“ Leon benötigte einen Moment. Sein Kopf war noch bei den Tieren. Dann verstand er. Imani packte ihn sogar am Arm. „Komm.“ Leon rannte. Fast wäre er erneut gestürzt. Dann sah er Red. Einige Schritte vom Karren entfernt lag sie im Schlamm. „So eine Boskscheiße!“ Er ging sofort zu ihr. Ein Arm unter ihren Nacken. Der andere unter Beine und Gesäß. Vorsichtig hob er sie hoch. „Lauf zur Hall, kleiner Larl! Mach mir die Tür auf!“ Imani rannte voraus. Red öffnete die Augen. „Die Vorräte.“ Leon sah zu ihr hinunter. „Tut mir leid, mein Jarl. Ich arbeite gleich weiter.“ Dann wurde sie bewusstlos. Leon ging langsam. Schritt für Schritt. Jeder Tritt musste sitzen. Diesmal durfte er nicht ausrutschen. Nicht mit Red im Arm. Auf dem Weg zur Halle wanderte sein Blick erneut zur Thassa. Die Wasserhosen waren verschwunden. Und dort draußen sah er die Eiserne Verr. Mit Rudern kämpfte sie sich zurück zur Insel. Leon atmete etwas freier. Sven lebte also zumindest noch lange genug, um seine Männer zurückzuführen. Vielleicht war Odin tatsächlich bei ihm gewesen. Vielleicht ließ der Sturm endlich nach. Leon trug Red weiter.

In der Halle wurde ein Fell vor das Feuer gelegt. Leon bettete Red darauf. „Red braucht Wärme.“ Er kontrollierte ihre Atmung. Hand auf dem Bauch. Finger unter ihrer Nase. „Ich brauche Tücher! Wasser! Und bei Odin, ich brauche eine verdammte Heilerin!“ Bess kam. Sie war keine Heilerin, wusste aber genug über Wunden, um nicht hilflos herumzustehen. Nora, eine fremde Sklavin aus Enkara, brachte Wasser und Sul-Paga und erinnerte sich an etwas aus ihrem Unterricht: Bewusstlose sollte man auf die Seite legen, falls sie sich übergaben. Leon ließ Bess arbeiten. Er assistierte. Red kam wieder zu sich. Ihre ersten Worte galten nicht ihrem Kopf. „Ich habe die Felle gerettet.“ Dann: „Die Vorräte. Wir müssen sie noch holen.“ Leon betrachtete sie. Vorgestern hatte dieses Mädchen versucht, die Eiseninsel mit einem kleinen Boot zu verlassen. Gestern hatte sie gemeinsam mit Imani unter seiner Peitsche gekniet. Und heute lag sie blutend vor ihm, weil sie bis zum Zusammenbruch versucht hatte, Eigentum und Vorräte des Clans zu retten. Das ließ sich nicht bequem in das Bild einordnen, das Leon von ihr hatte.

Skar liegt verletzt in der Männerbaracke

Während Red versorgt wurde, kam Skar in die Halle. Langsam. Eine Hand an den Rippen. Er sagte nichts. Red bemerkte ihn trotzdem. „Mein Jarl … der Jarl.“ Leon hatte den seltsamen Gang seines alten Freundes längst gesehen. „Der alte Krieger kennt den Sturm.“ Er ließ Nora bei Red und ging hinter Skar her. Im Männerlager lag dieser bereits auf seinem Fell. Leon trat gegen das Holz darunter. „Was ist passiert?“ Skar öffnete die Augen nur einen Spalt. „Muss mich nur etwas ausruhen.“ Die Stimme verriet ihn. Kurze Sätze. Pausen. Luft rationieren. „Dann bin ich wieder fit und sauf dich unter den Tisch.“ Er versuchte zu lachen. Der Schmerz bestrafte ihn sofort. Leon lächelte nicht. Er drückte sehr leicht gegen Skars Rippen. Der Körper des Mannes spannte sich. „Schmerzhaft?“ „Ay.“ Leon sah ihm ins Gesicht. „Wie oft waren wir im Süden und kamen verletzt zurück? Glaubst du, ich erkenne nicht, wenn es ernst ist bei dir?“ Skar wollte abwiegeln. Leon ließ ihn nicht. „Was ist passiert? Ich frage nicht als Freund. Ich frage als dein Jarl.“ Skar gab nach. Ausgerutscht. Rippen. Werde schon. Leon setzte sich zu ihm. „Wie oft haben wir erlebt, dass Kameraden mit gebrochenen Rippen Blut spuckten und dann erstickt sind?“ Skar schwieg. „Du wirst dich morgen von meinem Weib untersuchen lassen.“ Leon sah ihn fest an. „Und du wirst mir bis dahin nicht verrecken. Das ist ein Befehl, alter Freund.“ Skar versuchte selbst jetzt noch einen Scherz. Etwas über seinen Vater. Nachfahren. Ein Boot, das man für ihn bauen müsse. Leon blieb ernst. „Mein Huskarl sollte wissen, wann die Zeit für Witze ist und wann die Zeit für Ernst ist.“ Das Wort war gefallen. Huskarl. Vielleicht noch keine feierliche Ernennung. Aber in Leons Kopf war Skar offenbar längst näher an diesem Platz, als der Mann selbst wusste. Als Leon zur Tür ging, sagte Skar: „Mögen die Asen heute über uns alle wachen.“ Leon hielt inne. Nickte. Und ging.

Zurück in der Halle erfuhr er, dass Red sich übergeben hatte. Das war keine beruhigende Nachricht. Doch sie war wach. Sie scherzte sogar wieder. Leon kniete bei ihr. „Mach das nie wieder.“ Red sah ihn an, als hätte sie sich absichtlich den Schädel am Felsen aufgeschlagen. Nora bot an, nach dem verletzten Verr zu sehen. Leon überlegte kurz. Dann nickte er. „Du warst heute recht nützlich, Mädchen.“ Er erklärte ihr den Weg zum Stall und sagte ihr, sie solle auf sich achten. Damit konnte er bleiben. Bei Red. Er setzte sich hinter sie und legte einen Arm um ihren Körper. „Ich habe mir Sorgen gemacht.“ Red sah zu ihm auf. Tränen standen in ihren Augen. „Ich wollte das nicht, ehrlich.“ Sie drückte sich an ihn. „Ich wollte doch helfen.“ Leon küsste ihr Haar. „Ich weiß.“ Dann leiser: „Ich mache mir nur Sorgen.“ Imani war inzwischen vor Erschöpfung eingeschlafen. Leon sah auf seine beiden Mädchen. „Ihr habt mich heute stolz gemacht.“ Red blickte zu ihm. „Ihr habt beide sehr gute Arbeit geleistet.“ Dann legte er für einen Moment den Kopf in ihr Haar. „Freut euch auf den nächsten Sturm.“ Red sah ihn entsetzt an. „Auf den kann ich verzichten, mein Jarl.“ Ein schwaches Grinsen. „Nun musst du wieder baden.“ Leon winkte ab. „Lass den Dreck Dreck sein.“ Imani erwachte. Und beinahe war der Frieden wieder vorbei. „Was man von den Kerlen nicht sagen kann“, brummte sie. „Rollen mit Vulos im Matsch herum, während die schwachen Weiber schwere Holzplanken schleppen.“ Leon atmete langsam ein. „Nicht heute.“ Sie sah ihn an. „Erst die Tiere. Dann die Nahrung. Erst dann interessiert uns alles andere. Woher solltet ihr das wissen?“ Sein Ton blieb ruhig. „Ihr habt gute Arbeit geleistet. Ihr könnt stolz auf euch sein.“ Dann wurde sein Blick ernst. „Sei wütend. Schlag gegen den Boden oder die Wand. Aber heute lassen wir Frieden walten.“ Imani schwieg. Für einige Atemzüge. Dann: „Klar. Löcher im Dach stopft man dann mit Suls.“ Leon spürte, wie es in ihm heiß wurde. Er hätte sie anschreien können. Er hätte die nächste Auseinandersetzung beginnen können. Stattdessen stand er auf. „Ich sehe nach der Brauerei.“ An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Suls stopfen deinen Magen, wenn wir Holz hacken. Beiß mal von nassem Holz ab.“ Dann schlug er die Tür hinter sich zu.

Die Saline und die Brauerei während des Sturms.

Die Brauerei stand teilweise unter Wasser. Auch die Saline hatte es erwischt. Leon stand im Regen, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah zwischen beiden hin und her. Der Sturm selbst war vorüber. Der Regen blieb. „Die ganze Arbeit war umsonst.“ Er sagte es weder wütend noch traurig. Es war lediglich eine Feststellung. Imani kam hinter ihm her. Nackt bis auf ein Fell, das sie um ihren Körper gewickelt hatte. „Nun komm schon zurück in die Halle. Hier kannst du heute eh nichts mehr ausrichten.“ Leon reagierte nicht. „Und du nutzt keinem etwas, wenn du dir noch den Tod holst. Weder deinem Weib, deinem Sohn noch irgendeinem Dorfbewohner.“ Das erreichte ihn. Er blickte sie kalt an. Dann wieder zur Brauerei. Schließlich sprang er vom Felsen und ging zu ihr. „Ich stecke in einer Falle.“ Imani schwieg nun. „Ich kann hier nicht weg, solange die Sleens im Wald sind. Und doch muss ich so bald wie möglich nach Fjölnir und mit dem Ragnadal-Clan handeln.“ Er rümpfte die Nase und sah erneut auf das Wasser. Dann begann er zu lachen. Kein fröhliches Lachen. Ironie. Erschöpfung. „Als ich den Stein das letzte Mal berührte, fühlte ich, dass viele Entscheidungen mich diese Hand treffen würden.“ Sein Blick fiel wieder auf Imani. „Du bist doch sonst so schlau. Wofür würdest du dich entscheiden?“ Imani dachte nach. „Nun … der Zimmermann ist wohl auch angeschlagen. Bei der Jagd fällt er also aus.“ Leon wartete. „Wie weit ist denn die Reise zu diesem anderen Dorf?“ Er begann, seinen Mantel auszuziehen. „Hin und zurück jeweils ein paar Ahn über die Thassa. Danach noch der Marsch zum Torvaldsberg. Am Fuß davon liegt das Fjord av Fjölnir. Über den Fluss würden wir länger brauchen.“ Er legte ihr den Mantel über die Schultern. „So stark wie heute waren die Stürme hier noch nie.“ Sein Blick ging erneut über die Schäden. „Wir haben zu viele Neue im Clan, die nicht wissen, was zu tun ist.“ Er legte den Arm um sie, sofern sie ihn ließ, und zog den Mantel enger. Imani sah ihn von der Seite an. „Also vor ein paar Tagen hast du Red und mir noch Vorträge gehalten, dass wir uns nicht in Angelegenheiten von Kerlen einzumischen hätten.“ Eine kurze Pause. „Und nun möchtest du meinen Rat?“ Leon nickte anerkennend. „Und damit hast du recht.“ Sie hatte offenbar mit einer anderen Antwort gerechnet. „Aber vor ein paar Tagen hast du ein wenig aufdringliche Fragen gestellt. Jetzt stehen wir vor Trümmern und Entscheidungen, die unsere weitere Richtung beeinflussen.“ Er betrachtete sie einen Moment. Nasses Haar ließ sie anders wirken als sonst. „Ich halte dich nicht für dumm.“ Imani sagte nichts. „Ich glaube, du verstehst manches nicht. Daraus mache ich dir keinen Vorwurf.“ Sein Blick ging wieder zum zerstörerischen Wasser. „Und ich weiß, dass du glaubst, freies Reden bedeutet hier, dass du den Mund hältst und ja sagst.“ Jetzt sah er wieder zu ihr. „Die Frage ist, wie du deine Worte wählst. Du kannst sagen: Ich hasse dich. So wie damals, als du deinen Brand bekommen hast.“ Ein Schmunzeln. „Oder du kannst mieses Arschloch sagen.“ Er rümpfte die Nase. „Ein wenig Wind kann angenehm sein, da, wo es warm ist. Aber einen Sturm wie heute wird jeder verfluchen.“ Imani atmete tief durch. Dann stellte sie die entscheidende Frage. „Kannst du jemand anderen schicken oder musst du selbst hin?“ Leon schwieg. „Gibt es hier jemanden, dem du die Sleenjagd und den Wiederaufbau anvertrauen kannst? Ich meine … bei dem Unwetter kann es sein, dass die Reise länger dauert.“ Leon dachte nach. Dann: „Ich kann Sven schicken.“ Ein kurzer Augenblick. „Gute Idee.“ Imani wickelte sich fester in sein Fell. „Wir sollten uns irgendwo unterstellen.“ Leon zog den Mantel um sie enger. „Komm. In der Hütte des alten Goden ist es warm.“

Alfgrimr war nicht da. Vor der Hütte ließ Leon Imani den kleinen Stein berühren. Sie sagte offen, dass sie nicht an seine Götter glaubte. Leon verlangte es auch nicht. „Glaub an was du willst.“ Eine Brise strich durch ihr Haar. Mehr verstand Imani davon nicht. Drinnen setzte sie sich erschöpft ans Feuer. Leon gab ihr Black Wine und fragte nach ihrem Plan für den nächsten Tag. Natürlich hatte sie längst einen. Verletzte versorgen. Prüfen, was gerettet worden war. Wege befestigen. Sven mit Informationen nach Fjölnir schicken. Danach den Steg reparieren, damit die Gäste wieder abreisen konnten. Leon hörte zu. „Das ist ein weiser Plan. Genau so werden wir es machen.“ Dann setzte er sich zu ihr und wärmte ihre kalten Füße zwischen seinen Beinen. Imani hob schließlich das Fell. „Du holst dir eher den Tod, wenn du noch länger in den nassen Klamotten da hockst. Zieh dich aus und komm zu mir.“ Leon tat es. Bogen und Äxte legte er bewusst in Reichweite. Ein Test. Einst hatte er ihr gesagt, dass sie ihren Namen an jenem Tag zurückbekommen würde, an dem er ihr vertraute. Noch war dieser Tag nicht gekommen. Aber Leon begann zu prüfen, ob er überhaupt kommen konnte. Imani griff nicht nach den Waffen. Sie kuschelte sich stattdessen an seine Brust. „Wehe dir, da verirrt sich etwas in mich.“ Leon schmunzelte, legte die Arme um sie und beließ es bei der Nähe. Wenig später schlief sie ein. Er hielt sie einfach fest. Draußen rauschte der Regen. Die Eiseninsel war beschädigt. Menschen und Tiere waren verletzt. Arbeit vieler Hände lag unter Wasser. Doch an diesem Tag hatte Leon auch Dinge gesehen, die vorher im Verborgenen gelegen hatten. Red hatte vorgestern fliehen wollen, gestern unter seiner Peitsche gekniet und heute ihre Gesundheit für die Insel riskiert. Skar hatte sich beinahe selbst zerbrochen, bevor er seine Arbeit liegen ließ. Sven hatte draußen auf der Thassa um Schiff und Männer gekämpft. Svea hatte helfen wollen, selbst als es für sie gefährlich wurde. Und Imani, seine erklärte Feindin, hatte sein Weib geschützt, Red gerettet, Tiere versorgt, ihm widersprochen, ihm einen Ausweg gezeigt – und eine Gelegenheit verstreichen lassen, seine Waffen gegen ihn zu nehmen. Leon sah nicht mehr nur die wilde Bond. Noch vertraute er ihr nicht. Aber zum ersten Mal besaß er einen Grund zu glauben, dass er es eines Tages könnte.

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