
Der nächste Tag ist angebrochen und gerade als ich mir einen Met in der Hall gönnen wollte, sah ich sie. Die Valisons und Enya. Jarl Valon hatte gerade seinen Sohn auf seinem Bauch liegen. Der Kleine weiß es nicht, doch er war der Hüter des Friedens, ganz still und heimlich. Während Enya sich aus dem Gespräch herauszog und in die Hall ging, habe ich die beiden direkt angesprochen. Ich fragte sie, ob ich anfangen soll oder ob sie mir was zu sagen hätten. Wie ich schon oft betont habe, bin ich kein Mann, der sich zu den Geduldigen zählt. Ein Problem liegt vor mir, also löse ich es! Genauso habe ich gehandelt. Da waren seine Worte. Die des Jarls. Er entschied, dass er die Adoption nicht anerkennt, er entschied auch, dass er sie nun doch zur Gefährtin haben will. Das war so ziemlich das wichtigste. Ich musste meine Worte genau wählen. Was ich zu sagen hatte kann schnell missverstanden werden aber es musste gesagt werden.
Ich sagte ihm klar, dass es mir nicht passt, wie man meine Geduld immer wieder auf die Probe stellt. Das Gespräch als ich um Svea warb. Damals meinte man mir sagen zu müssen, dass ich nicht zu glauben brauche, dass ich mich in die Familie der Valisons nach so kurzer Zeit einschleichen kann. Ich erwähnte auch, dass ich Enya mit Sunja zurückgebracht habe ohne zu zögern als er mich darum bat. Die Tatsache, dass beide über meine Mutter lachten, als sie erfuhren, wer sie ist. Am besten aber gefiel mir seine Reaktion, als ich ihm sagte, dass es meinem Vater nichts passen wird, dass man ihm die Tochter abspricht. Er meinte darauf, dass ich ihn als Weise beschrieben habe. Das ist richtig, doch nie als freundlich. Ich respektiere die Weisheit die meinem Jarl innewohnt, doch Weisheit geht nicht einher mit Freundlichkeit.
Das Heikle an der Sache ist, dass meine Worte die sind, hinter welchen ich stehe und ein anderer diese vielleicht als illoyal hätte betrachten können. Das ist der Grund weshalb ich ihm auch sagte, dass mein Vater sich das nicht gefallen lassen wird und dass ich eines Tages meinen Schwur damit erfülle, gegen den nächsten Mann zu kämpfen, den ich Vater nenne. Er jedoch sagte, dass er Enya zum Weib nimmt und dann sowieso ihr Vormund sein wird. Meine Bitte, dass sie weiterhin öffentlich meine Schwester genannt wird, lehnte er ab. Nach wie vor, übersieht er in seiner Weitsicht, in welches Dilemma er mich damit nun bringt. Ich aber habe ihm den Schwur geleistet und werde ihn nicht brechen. Dennoch muss ich sagen, vergessen werde ich ihm das nicht.
Eine weitere Nacht verging und ich reiste mit meinem Weib zurück zur Eiseninsel. Die Bestattung meines Großvaters stand an. Anders als die Männer, die auf den Schlachtfeldern fallen, werden unsere Krieger auf ihre letzte Reise geschickt. Alfgrimr, sein Vater selbst sprach einige ermutigende Worte an uns ehe wir das Boot auf seine Reise entsandten. Mir wurde die Ehre zu Teil das Boot mit einem Feuerpfeil zu entzünden, doch während mein Vater die Gäste noch unterhielt waren Sven, Halgrimm und ich daran Ingrid als Opfer vorzubereiten, zusammen mit dem alten Alfgrimr. Ich schnitt Ingrid die Kehle durch nachdem Alfgrimr ihr einen Trank gab, der sie betäubte und in eine andere Welt sandte. Der Trank bereitete sie auf die frühe Einkehr in die nächste Welt vor, mein Messer schickte sie dorthin. Durch salben aber sollte sie, so der alte Gode, aus Helheim herausgerissen werden und mit Reginheri auf dem brennenden Boot den Walküren entgegen reisen.

Ich stand bereits am Wasser bei meinem Großvater und hoffte auf ein Zeichen als ich ihn so betrachtete, doch vergebens. Seine Ratschläge waren stets von Weisheit und Güte geprägt. Ich hätte einen gebraucht doch jetzt muss ich auf meinen Instinkt hören und hoffe den richtigen Weg eines Tages zu finden. Ich dachte an die Umstände die mich umgaben. In schwierigen Zeiten wie diesen braucht es Männer wie Reginheri, die dem Weg des Friedens folgen und keine Angst haben für die einzustehen, die ihnen wichtig sind. Er war ein ruhiger Krieger mit einer inneren Kraft in sich, die ihresgleichen sucht.
Die anderen kamen und ebenso Alfgrimr. Mein Vater aber stand nicht unter ihnen. Der alte Gode grüßte jeden und hieß sie alle willkommen. Die Bondmaid meines Vaters, Nathaira die er wohl aus früheren Zyklen kannte, mein Weib, die er als Hübsch bezeichnete, meinen Onkel Torak und dessen Begleitung, die er offen in der Runde aufnahm und die wohl meines Onkels Weib werden soll. Mir klopfte der Alte nur auf die Schulter und mahnte mich, dass ich meiner Hände hätte reinigen können. Sie trugen noch immer das Blut Ingrids. Dann sprach Alfgrimr als Gode einige Worte an alle, wie es von ihm erwartet wurde und lächelte dabei stets als wäre alles genau so wie es sein sollte. Doch wir alle konnten uns denken welchen Schmerz er innerlich zu tragen hatte als sein eigener Sohn da lag und er ihn auf die letzte Reise entsandte. Zumindest denke ich, dass jeder es wusste. Ich wusste es und da Nathaira nicht von seiner Seite wich, glaube ich, dass auch sie es wusste.

Als Alfgrimr mir das Zeichen gab, gab ich es weiter an den stinkenden Sven. Selbst er, der immer lacht, trug eine seltsame Trauer in seinen Augen und seine Mundwinkel blieben unten. Er schob das Boot vom Wasser aus an und sobald es weit genug von ihm entfernt war entzündete ich den Pfeil und schoss ihn auf das Boot. Drei Pfeile hatte ich mit einem in Paga getränkten Tuch, präpariert. Ein Pfeil hat gereicht. Das ganze Boot fing Feuer und stand schnell in Flammen. Die ersten gingen wieder, andere sahen dem Boot noch zu, ich hingegen legte den Bogen ab und setzte mich einfach ins Gras. Ich sah dem brennenden Boot hinterher und genoss den Moment in dem mein Weib sich an meine Seite gesetzt hatte und ihre Hand an meinen Oberarm legte. Ich mag nicht viel Zeit mit ihr haben aber das sind die Gesten, die ich an ihr liebe und schätze. Sie weiß es vielleicht nicht aber diese Kleinigkeit war es, die mein Herz berührte. Morgen gehen wir beide unserem Tagwerk wieder nach und niemand wird darüber sprechen. Trotzdem werden wir wissen, dass wir die Wunden in unseren Herzen damit schließen.
Nach einer Weile, die anderen waren längst nicht mehr am Anlegeplatz unserer Insel, schickte ich sie fort unter dem Vorwand allein sein zu wollen. In Wahrheit wollte ich, dass sie meinen Vater kennenlernt. Zu wissen, wer die Familie ist, heißt zu wissen wer einen nie im Stich lassen wird. So sagte zumindest vor vielen Zyklen mal jemand. Ich weiß, dass ich bald keine Familie mehr haben werde. Vielleicht war das auch die letzte Reise zur Eiseninsel bevor ich einen weiteren Vater nach Valhalla schicke und Alfgrimr einen weiteren Nachkommen nehme. Vielleicht ist es besser Enya nicht als meine Schwester zu bezeichnen. Nicht, weil ich sie nicht gerne als Familie ansehe, sondern, weil ich der Fluch in jeder Familie bin, der ich angehörte. Den Ragnadals nahm ich einen Jarl, einen Vater und eine Legende. Den Eisenbrechern nehme ich wohl bald ebenso einen Jarl, einen Enkel und eine Legende.
Ich hoffe jedoch noch immer, dass Odin seine Weisheit mit mir teilt und mir einen Weg zeigen wird, das unvermeidliche zu vermeiden.
Hinterlasse einen Kommentar